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Die Wegwarte: Die emanzipierte Himmelsbraut

Simone

Zu den spannendsten Geschöpfen mit den größten Kräften zählen die Pioniere, die dort als erste siedeln, wo erstmal nichts ist als nackter Boden und karge Landschaft. Zu diesen gehört die Wegwarte. Häufig begleitet sie unseren Alltag, als Blume am Wegesrand, als Salat oder Gemüse – sei es der aus der Wurzel getriebene Chicorée oder die züchterischen Abkömmlinge Endivie, Zuckerhut oder Radiccio. Vielleicht genießt du die Zichorie auch im Muckefuck, der herzschonenden Variante des Kaffees. Was ist das eigentlich für ein Wesen, das seit dem Altertum als Gemüse, Heil- und Zauberpflanze geschätzt wurde?

Wegwarte

Wer sich auf sie einlässt, den umgarnt die eigenwillige Schöne mit einer Ausstrahlung, die die Polarität von Erde und Himmel aufs Anmutigste vereint. Die sparrigen Zweige, die sich wie borstiges Gestrüpp aus dem Erdboden recken, tragen an den Richtung Himmel tastenden kantigen Stängeln wie aufgetupft zarte, himmelblaue Blüten. Der Blick in diese klaren Himmelsaugen wird eingesaugt in das helle Zentrum der Blüte. Aus dieser Mitte des Korbblütlers strahlen wie ein Feuerwerk die weiß-blau gestreiften Röhrchen, aus denen die Staubfäden der Sonne entgegenwachsen.

Dass diese Himmelsbraut aus verschiedenen Gründen völlig ungeeignet ist, als Schnittblume kommerzialisiert zu werden, macht sie noch sympathischer. Zum einen erscheint an einem Stängel nur alle Handspanne eine Blüte, dazwischen hängen wie gebrauchte Putzlappen die zerfledderten, farblosen Blütenblattreste und leere Hüllblätter vergangener Blühfreuden. Zum anderen blüht jede Blüte nur einen halben Tag. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die auf die Pflanze treffen, öffnen sich die blauen Köpfchen, die sich über Nacht schon erwartungsvoll gekleidet und aus ihrer Umhüllung geschält haben. Am frühen Nachmittag ist das Fest der Begegnung zwischen Blume und Insektenvolk zuende zelebriert und die Himmelsbraut lässt sich gehen. „Faule Magd“ war deshalb ein früher volkstümlich gebrauchter Name für die Wegwarte. Heute würde man sagen, das Weib hat die Vorzüge eines Halbtagsjobs schon in ihrer DNA angelegt.

Als ob das nicht schon emanzipiert genug wäre, vollzieht sie in ihrem kurzen Hochzeitszyklus auch noch eine geschlechtliche Metamorphose. Den Start macht das männliche Stadium – die pollenbehafteten Samenfäden strecken sich aus den schützenden Röhrchen. Alsbald tummeln sich die ersten Insekten in den Kelchen, sammeln Nektar und Pollen ein und verteilen die weißen Puderkrümelchen wie Sternenstaub auf den himmelblauen Zungenblüten. Jetzt entfaltet sich die weibliche Seite der Blüte: Jedes Samenfädenpaar teilt sich, die Fäden rollen sich zur Seite und geben die empfangende Narbe auf den Innenseiten frei.

Wegwarte

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Wen wunderts, dass die eigenwillige Schönheit auf alle Arten von Insekten so attraktiv wirkt. Und manchmal mischt sich auch eine Fleischfresserin in die Party – die Krabbenspinne positioniert sich auf einer Blüte und verwandelt nichtsahnende Hochzeitsgäste in ihr persönliches Buffet.

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Als Gemüse ebenso wie als Heilpflanze entfaltet die Wegwarte ihre fördernde Wirkung auf das ganze Verdauungssystem. Kraut und Wurzel werden auch für ihre reinigende Wirkung auf Galle, Leber, Nieren und Milz geschätzt. Die jungen Blätter der Wegwarte bieten sich an für eine reinigende und aufbauende Frühjahrskur, denn sie sind voll von wertvollen Mineralien wie Eisen, Folsäure, Zink, Selen, Kalium sowie Vitamin B und C. Der moderate Gehalt an Bitterstoffen kommt dabei den zuchtgemüseadaptierten Gaumen entgegen. Die Wurzel enthält entzündungshemmende Eigenschaften und hilft bei der Behandlung von Arthrose. In Laborversuchen wurde zudem eine tumorhemmende Wirkung beobachtet, u.a. bei Prostatakrebs, Brustkrebs und Darmkrebs. Interessant für Diabetiker ist der hohe Gehalt an Inulin in der Wurzel. Das pflanzliche Kohlenhydrat, das nicht durch Verdauungsenzyme abgebaut werden kann, gilt als Präbiotikum und erfreut im Darm die Bifidobakterien. Es hat beim Verstoffwechseln im Gegensatz zu Stärke keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel.

Die Lebensmittelindustrie schätzt an der Chicorée-Wurzel die Fähigkeit des löslichen Ballaststoffes Inulin, Feuchtigkeit zu speichern und cremige Texturen zu erzeugen. So werden die Wurzelfasern der Pflanze zu einer gesunden Zutat im ansonsten häufig zweifelhaften Cocktail von Lebensmittel-Zubereitungen.

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Dass bei der Himmelsbraut Gesundheit und Genuss eine schöne Liaison eingehen, ist vielleicht am spannendsten beim Zichorienkaffee, der gerade eine Renaissance erfährt. Früher eher als Notkaffee in Mangelsituationen gebraut, wird inzwischen deutlich, welch gesundes Elixier man sich mit diesem Hexentrank einverleibt. Ich mische die Zichorie am liebsten 1:1 mit einem feinen Espresso und jage das Ganze auf dem Gasherd durch einen italienischen Espressokocher. Das tiefschwarze Gebräu hat die geschmackliche Stärke, die ich liebe, ohne Herz und Kreislauf zu belasten. Und die Mischung bringt genau den richtigen Munterfaktor nach dem Essen.

Um die Blume mit den vielen Gesichtern und Fähigkeiten wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken, wurde sie von der Jury des Vereins NHV Theophrastus zur Heilpflanze des Jahres 2020 gekürt. Wer sie gern in seiner Nähe beherbergen möchte, dem wird sie im Garten ein bis in den Herbst blühfreudiger Gartengenosse sein. Unsere Wegwartenstaude hat sich an ihrem Platz schnell eingelebt, ist nun im dritten Jahr ihres Aufenthalts bei uns größer als ich und wächst immer üppiger. In freier Wildbahn oder als Kulturbegleiterin ansonsten eine wahre Überlebenskünstlerin, weiß sie eine etwas fruchtbarere Umgebung und Aufmerksamkeit offenbar auch zu schätzen. Morgens begrüße ich die neuen Blüten und bin stets aufs Neue fasziniert von dem magischen kleinen Feuerwerk in den Himmelsaugen.

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Kürzlich wurde der Tag in einen selten gewordenen Landregen eingehüllt und ich fragte mich, was wohl die Halbtagesblüten machen, wenn keine Sonne kommt. Warten sie ihre Gelegenheit ab und lassen sich auf einen neuen Rhythmus ein? Oder vergehen sie einfach ohne Hochzeitsfest, auf das sie sich so schön vorbereitet hatten? Die Blüten harrten sichtlich zerknautscht mit kaum verhohlender Anspannung auf ihre Gelegenheit, je weiter der Tag voranschritt. Gegen halb eins versiegte der Regenguss und zart schienen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkenlücken. Sofort entfalteten die ungeduldigen Blüten ihre durchnässten Kleider, schoben in Rekordzeit die Samenfäden heraus, die sich dann auch in Windeseile zur Empfängnisbereitschaft kringelten. Trotz durchnässtem Pollenbuffet wurden sie gut besucht. Und nein, die Himmelsbraut machte auch an diesem Tag keine Überstunden. Gegen 14 Uhr legten die Blüten des Tages sich wieder zur Ruhe. Während in den benachbarten Knospen schon die Gewänder für das morgige Fest vorbereitet wurden.

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