top nav

Wölfe

Simone

„Guck mal, immer mehr Wölfe ploppen gerade in der Politik hoch“, brumme ich zu Mathilda beim Blick über die Morgenzeitung. „Die Ami-Wahl, die ich immer noch verdauen muss, aktuell gerade Österreich und mal sehen, was uns in Deutschland nach der Neuwahl im Februar blüht. An das Rumpelstilzchen in Ungarn hat man sich ja schon fast gewöhnt…“ Mathilda klimpert mit den Augendeckeln. „Mochtest du nicht mal Wölfe? ,Der Isegrimm, der Isegrimm ist wieder in der Wiese drin‘ hast du so herzerwärmend mitgesungen, damals in der Lagerfeuerrunde in Mützingen…“ Ich lächle bei der Erinnerung. Damals, vor über 15 Jahren kehrten gerade die ersten Wölfe ins Wendland zurück. Es war ein Fest für alle Menschen, die sich der Natur verbunden fühlen. Weniger für die Mufflons und Schafhalter, aber das sollte sich erst später erweisen. „Okay, das ist eine andere Baustelle“, lenke ich das Gespräch zurück. „Hmm, ist es das?“ Mathilda denkt laut weiter. „Irgendwann hat mensch begriffen, dass der Wolf zur Natur gehört. Er war ja hier früher auch zuhause und hatte wichtige Aufgaben im Ökosystem. Jetzt ist er hier und tut gelegentlich Dinge, die nicht alle okay finden. Er lebt seine Natur und eckt damit eben manchmal an mit seinen Nachbarn.“ „Ja, und die wehren sich“, setze ich fort. „Jeder will in seinem Raum so gut wie möglich leben und an der Grenze gibt’s halt mal Scharmützel. Kommt mir ziemlich normal vor.“

Mathilda hat sich den kleinen Plüschwidder und den Steiff-Fuchs vom Sideboard gegriffen und lässt die beiden gegeneinander antreten. „Okay,“ nehme ich den Gedankengang auf, „wir lassen jetzt also nicht nur zu, dass Wölfe hier wieder Teil unserer Natur werden, sondern dass auch Menschen mit Haltungen auf den Platz treten dürfen, die unserer erstmal entgegenstehen.“ Ich senke den Kopf des Widders und schiebe ihn auf den Fuchs zu, der etwas erschrocken wirkt. Er späht zur Seite, beginnt dann auf und nieder zu hüpfen und ruft: „Sperrt ihn ein! Los! Da müssen wirksame Widderzäune her! Mit Starkstrom! Der Typ ist ja isoliert mit seinem Pelz… was für eine unfaire Bewaffnung!“ Mathilda lacht. „Ne, ich komm jetzt nicht und setz einen Zaun drumherum. Das wäre ja langweilig.“ „Ja Teufel auch“, empöre ich mich. „Willst du zugucken, wie dieses Vieh mir das Futter für meine Beute wegmampft!?“ Mathilda senkt aufreizend entspannt die Lider und haucht lasziv: „Ja, Schatz.“ Ich gucke verdutzt und lache dann schallend. „Okay, Bruder“, ich schaue dem von allen guten Obrigkeitsgeistern verlassenen Fuchs tief in die Augen. „Wir sind jetzt auf uns gestellt. Auf unsere Schläue – dafür bist du doch bekannt, oder?“ Der Fuchs wirkt, als wolle er sich am Kopf kratzen, aber nunja, es ist halt ein Steiff-Fuchs. Er schleicht sich um den Widder herum, der ihn skeptisch beäugt. In seinem Drohgebaren hat er mit den Klauen allerlei Grasbüschel und Erde aufgeworfen. Das finden die Mäuse in ihren Höhlen gar nicht gut. Eine Maus sucht schimpfend mit dem Kopfkissen unterm Arm das Weite. Die Gelegenheit lässt sich der Fuchs nicht entgehen. Schwups, wird sie verfrühstückt. „Hey, das war jetzt aber ein gewaltsamer Akt!“ protestiere ich. „Wollten wir das?“ Ich blicke Mathilda fragend an. „Tja, Füchse fressen Mäuse“, gibt sie zurück, „wenn auch nicht immer mit Kopfkissen…“

„Okay, das ist jetzt natürlich etwas verniedlicht“, setze ich zurück. „Was ist, wenn der andere mich aufs Kreuz legen will? Und ich das Gefühl habe, dass es nicht zu meiner Natur gehört, mich verprügeln, ausrauben oder vergewaltigen zu lassen?“ „Das ist gut!“ sagt Mathilda. Schweigen. „Was ist gut??“ insistiere ich irritiert. „Dass du ein klares Gefühl hast, was für dich okay ist und was nicht.“ „Aha.“ Meine Irritation ist keinen Deut kleiner. „Aber der andere, der hat ja offenbar das Gefühl, dass es okay ist, dass er mich prügelt, ausraubt und vergewaltigt, oder? Sonst würde er’s doch nicht tun…“ „Also, erstmal…“ Mathilda holt tief Luft „erstmal ist es deine Angst, verprügelt, ausgeraubt und vergewaltigt zu werden. Wenn dir klar ist, dass du das nicht willst, ist das schonmal eine gute Voraussetzung, dass es nicht wirklich passiert.“ „So?“ Ich wirke zweifelnd. „Lebewesen funktionieren so, dass sie in der Regel kein zu großes Risiko eingehen“, erklärt Mathilda geduldig. „Sie nutzen Gelegenheiten, wo das Preis-Leistungsverhältnis günstig erscheint.“ Irgendwie kommt mir das bekannt vor… „Ja, kann ich sehen“, grinse ich und werde wieder ernst. „Aber manchmal laufen Dinge doch aus dem Ruder. Als ob da Sicherungen durchbrennen und dann passieren Sachen, die keiner wollte. Nicht mal der blöde Widder, weil dann auch seine Wiese kaputt ist.“ „Ja,“ sagt Mathilda, „das gibt’s. Das ist ja auch genau das, was immer in den Zeitungen steht“, sie raschelt wild mit den Blättern. „Was davor geschah, steht da aber nicht.“ „Und weißt du, was davor geschah?“ frage ich. Sie lässt den Blick über Zeitungen, Fuchs und Widder nach draußen schweifen. „Ich glaube, davor gab es viele Momente, in denen Betroffene nicht gespürt haben, was sie wollen und was nicht. Oder das dem anderen nicht rechtzeitig klargemacht haben.“ „Aber manchmal war’s ja doch so“, entgegne ich. Da hat der andere immer wieder gesagt, ‚Hey Leute, das passt mir jetzt aber nicht‘, und wir haben trotzdem unser Ding gemacht. Wir haben uns zu sicher gefühlt. Mit dem was wir können und mit dem was wir für ‚richtig‘ halten.“ „Und dann gibt‘s mit der Explosion die Quittung, bämm!“ Mathilda haut auf den Tisch, dass die Tiere durcheinanderpurzeln. „Ja, dabei geht viel kaputt und das ist scheiße.“ Sie schweigt einige Sekunden. „Aber weißt du was?“ „Na? Kommt jetzt die Reinkarnation?“ Sie lacht, schiebt dann ernster nach: „Die auch. Aber ich meine: Wenn was explodiert ist, was offenbar nicht für alle funktioniert hat, dann wird klar, dass da was faul war. Und dass wir andere Wege finden müssen, wenn wir was Neues aufbauen wollen.“ „Ja, Macht ist ein trügerisches Fundament“, sinniere ich. „Und dieses Gefühl, selbst auf der ‘richtigen‘ Seite zu stehen, hat uns schon oft in Situationen reingeritten, die uns dann um die Ohren geflogen sind. Wahrscheinlich ist es so – es gibt dieses richtig und falsch, das für alle gelten soll, nicht. Oder anders. Richtig kann nur sein, was für alle funktioniert.“ Mathilda schaut mich an und lässt ein vorsichtiges Lächeln spielen. „Aber Mann!“ stöhne ich auf. „Das ist ja richtig viel Arbeit! Für jeden Handschlag, der früher einfach so ‘richtig‘ war, muss ich jetzt gucken, hey, passt das denn auch für dich mit deinen komischen Angewohnheiten!?“ Mathilda keckert. „Ja, isso. Aber dafür kriegst du dann vielleicht auch mal eine Maus ab. Und zwar eine wie du sie noch nie vorher gekostet hast. Vielleicht schmeckt sie ja sogar…“

Schreibe einen Kommentar