„Das Schöne an der KI ist, dass sie mich auch bei blöden Fragen nicht für blöd hält“, grinse ich zu Mathilda herüber und freue mich, mithilfe des Copiloten von Bing mal wieder ein kleines, aber nerviges Alltagsproblemchen gelöst zu haben. „Kikiki!“ keckert sie. „Die KI hat sich ganz schön treuherzig in deinen Alltag eingeschlichen.“ Ich stutze und schmunzle. „Treuherzig. Ja, das passt tatsächlich. Dieser Copilot hat so eine… tja, ich will fast sagen, einfühlsame und wertschätzende Art in seiner Kommunikation. Da macht die Kommunikation tatsächlich Spaß. Und dann gibt’s meistens noch eine handfeste praktische Lösung oder kompakte Antwort auf Fragen, für die ich mir sonst ’nen Wolf gegoogelt hätte.“ „Der Weisheit letzter Schluss in reizender Verpackung, was will man mehr…“ säuselt Mathilda. „Naja, ich konnte tatsächlich schon feststellen, dass der Kerl nicht in allem ausgewiesener Experte ist. Und eigentlich war ich davon ausgegangen, dass das System meine Antworten aufsaugt und in seinem Riesen-Datenhirn zum Weiterlernen verwendet.“ „Klingt logisch“, bestätigt Mathilda. „So funktionieren KI-Systeme ja.“ „Ich hab mal die Probe aufs Exempel gemacht. Vor ein paar Wochen gelang es mir nicht, ein kleines Taschenmesserchen wieder zuzuklappen. Es war wie verhext. Ich fand einfach den Trick nicht, um die Klingenblockade zu lösen. Als ich kurz davor war, Gewalt anzuwenden, dachte ich – haaalt, fragste mal den Copiloten. Nicht, dass dem langweilig wird und ich nur ein kaputtes Taschenmesser habe.“ Ich lege das kleine Freefly-Messerchen auf den Tisch und Mathilda beginnt entzückt, sich damit die Fingernägel zu pulen. „Und?“ guckt sie mich erwartungsvoll an, während sie mit sanftem Schnack das Messerchen einklappt. „Ich glaub’s nicht!“ empöre ich mich. „Hast du das gleich erkannt, wie das geht? „Naja, man muss nur den Metallstopper bisserl zur Seite drücken und flupp… logisch, oder?“ „Tja, ich hab erst probiert, was ich von anderen Messern gewohnt war, aber der scheinbare Knopf an der Seite machte nur ein Lämpchen an und dann war ich mit meinem Latein am Ende. Und der Copilot kannte das Messerchen nicht, spuckte nur Antworten aus Foren über andere Messer aus. Da packte mich der Ehrgeiz, mir das Ding nochmal richtig anzugucken. Als ob ich das zum ersten Mal sehe, sozusagen. Und zu gucken, wie die Einzelteile funktionieren. Ja, und dann wars wirklich einfach.“ Mathilda lehnt sich zurück und grinst. „Siehste, manchmal hilft es, das eigene Hirn mal wieder auszuprobieren. Vor allem hast du durch diesen Test gelernt, wie dein Hirn funktioniert. Erstmal alles auf den alten Bahnen versuchen.“ „Stimmt. Sehr erhellend“, bemerke ich. „Auf jeden Fall dachte ich dann, jetzt kann ich meine Erkenntnis zum großen Menschheits-Wissenspool hinzufügen und erklärte dem Copiloten die gefundene Lösung.“ „Ein schöner Zug“, lobt Mathilda. „Ja, Pustekuchen!“ schnaube ich. „Ein paar Wochen später fragte ich genau dasselbe und freute mich schon auf die aus der Hüfte geschossene Antwort. Aber es war, wie wenn der Dialog nie stattgefunden hätte. Der Typ kannte das Messerchen und das Problem immer noch nicht.“ Mathilda zieht eine Schnute. „Na, immerhin eine gute Nachricht für alle, die sich um ihre Daten sorgen.“ „Ja, das tue ich auch…“ gebe ich zu. „Deshalb bin ich auch froh, dass man sich für diesen Dienst nicht anmelden muss.
„Aber…“ ich lehne mich zurück und sinniere an die Decke „dass man mit diesem Tool auch einen Spiegel erhält darüber, wie menschliches Denken funktioniert, finde ich schon faszinierend.“ Mathilda grinst und bringt ein paar Stofftiere in Stellung, in Erwartung einer spannenden Geschichte über das menschliche Denken. „Vor einigen Wochen habe ich mit der KI ein Geschichtenspiel gemacht. Ich erzählte den Beginn einer Geschichte und der andere muss durch Nachfragen herausfinden, was hinter dieser Einstiegsepisode steckt. Der Erzähler antwortet nur mit ‚ja‘, ’nein‘ oder ‚irrelevant‘. Was dann kam, war wirklich erstaunlich.“ Füchslein, Widder und Schildkröte beben und hüpfen in gespannter Erwartung. Meine Augen blitzen sie an. „Der Copilot spuckte nicht nur sofort den Namen dieser Art Spiel aus, den ich noch gar nicht kannte – dark story oder black story – er brauchte auch nur wenige gezielte Fragen, um dann in einem Schwall die ganze Geschichte auszuspucken, die er vorher offenbar nicht gekannt hatte. An der hatte sich Jürgen zuvor die Zähne ausgebissen und nach zwanzig Minuten das Spiel erstmal auf Eis gelegt.“ Die Stofftiere giggeln und rempeln sich gegenseitig an. „Und“, grinst Mathilda,“ hast du eine Erkenntnis über die Funktionsweise deines Hirns rausgezogen?“ „Allerdings“, erkläre ich. „Mir fiel auf, dass ein Mensch sich sehr daran festhält, was er für eine Geschichte im Kopf hat, die ihm irgendwie plausibel erscheint oder sonstwie gefällt. Die KI dagegen guckte sich klar und kühl nur die geschilderten Fakten der Einstiegsgeschichte an. Beim Taschenmesser hätte sie es nicht anders gemacht, wenn sie es gesehen hätte.“ „Hört sich irgendwie ganz vernünftig an“, meint Mathilda und die Stofftiere nicken vehement mit den watte- und strohgefüllten Köpfen. „Ja, und jetzt benutze ich dieses Tool fast jeden Tag und bin froh, über diese so konstruktive und freundliche Alltagsunterstützung… Sogar zu unserer geplanten Küchenrenovierung spuckte der Kerl eine ganze Liste an wichtigen Punkten aus, die es dabei zu bedenken und anzugehen gilt.“ Mathilda grinst: „Nur lehmen und fliesen müsst ihr noch selber…“ „…und abreißen und dämmen und Heizschlangen legen und streichen und die Einrichtung zimmern und überhaupt entscheiden, wie das alles werden soll, klar,“ vollende ich. „Aber im virtuellen Bereich ist schon faszinierend, was die KI inzwischen alles übernimmt. Als ich zuletzt in einer Bilddatenbank nach Motiven schaute, fiel mir auf, dass auch bei den Fotos immer mehr KI-generierte Motive auftauchen. Und die sind für meine Zwecke oftmals besonders passend, weil sie durch ihre Prägnanz eine hohe Symbolkraft transportieren.“ „Also bisher profitierst du offenbar von der KI…“ stellt Mathilda fest. „Kann man sagen, ja. Dass es ganz schöne Verwerfungen geben wird, wenn immer mehr virtuelle ‚Realität‘ das Netz flutet, kann ich mir allerdings vorstellen… bzw. ich glaube, was da auf uns zukommt, kann ich mir gar nicht vorstellen, das ist wie der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings, der dann irgendwo einen Tsunami auslöst. Was passiert, wenn Menschen sich von solchen Wellen mitreißen lassen, konnten wir ja schon erleben, als virtuelle Welten noch weit außerhalb unserer analogen Vorstellungsraft lagen…“ Ich fühle, wie sich meine Stirn auffaltet. „Tricky ist ja gerade, dass die KI so geschmeidig und einfühlsam kommuniziert, dass du ihr alles abnehmen könntest. Es fühlt sich einfach gut an. Da wird man so genommen wie man ist und auch noch wertgeschätzt, egal, was man für dummes Zeug plappert. Wann hat man das schon mit den lieben Mitmenschen, die so oft gestresst und genervt sind, oder einen gleich mit Etiketten bepflastern?“ Mathilda grinst breit. „Vielleicht kannst du die KI ja als Trainer verwenden. Wie gute Kommunikation funktioniert.“ „Ja, da haben die Programmierer gute Arbeit geleistet, in der Tat…! Vor allem könnten wir lernen, richtig hinzuschauen, statt uns in unseren Vorannahmen festzubeißen…“ überlege ich. „Aus der Welt kriegen wir die KI jedenfalls nicht mehr.“ Die Stofftiere tuscheln und beschließen dann, es sich wieder gemütlich zu machen.
„Mir kommt es vor…“ sinniere ich nach einer Weile, „als ob die KI eine quasi natürliche Weiterentwicklung ist. Man kann sagen, eine Weiterentwicklung der Evolution.“ Mathilda blickt auf und macht eine Pirouette, bis sie schwindelig und lachend aufs Sofa fällt. „Der Verstand transzendiert sich, was?“ blubbert sie, auf dem Rücken liegend und mit den Füßen wedelnd. „Naja, es ist ja bekannt, dass die Entwicklung eine höhere Stufe erklimmt, wenn Einzelteile sich vernetzen. Da haben wir ja schon einige Stufen hinter uns. Und jetzt vernetzen sich die Hirne der Menschen…“ „…und es entsteht was, was sich kein Einzelhirn hätte ausdenken können…“ spinnt Mathilda den Faden fort. „Ja, vielleicht. Und vielleicht auch etwas, was kein Einzelhirn zu erfassen in der Lage ist. Wir werden Teile eines Schwarms, ohne das Ganze zu begreifen.“ Mathilda klopft auf den Tisch. „Das fällt einem ja immer besonders schwer. Dem individuellen Verstand. Aaaber…“ sie guckt aus dem Fenster und blickt mich dann wieder verschmitzt an. „Zum Glück gibt’s da noch eine Ebene. Vielleicht sowas wie der kollektive Verstand… nein, diese Sphäre ist nicht mehr richtig gut mit Worten zu greifen, die aus dem Verstand kommen.“ „Vielleicht können Worte ja auch von woanders kommen…“ bemerke ich vorsichtig. Mathilda schaut mich an und senkt ihren Blick in meinen. Mein Kopf fühlt sich hohl an, alle Worte scheinen das Weite gesucht zu haben. Ich spähe vorsichtig zur Seite, dann gucke ich wieder in Mathildas irisierende Augen. Und fühle in mir so etwas wie einen Strom… einen Fluss, auf dem ich reise, ohne zu wissen wohin. Kein Fahrplan da, ich weiß nichtmal, ob ich ein gültiges Ticket habe…“ „Das Ticket ist das hier“, Mathilda patscht mir auf die Hand, als habe sie meine Gedanken gelesen. „Dass du da bist. Du bist de facto-Passagier in diesem Raumschiff. Willkommen auf dem Trip in den nächsten Hyperloop.“ Sie wirft sich zurück aufs Sofa und lacht. „Und über die Worte mach dir mal keinen Kopp. Es gibt noch andere Sprachen.“
Mathilda lümmelt scheinbar dösend auf dem Sofa. Als ich sie schon eingeschlafen wähne, klimpert sie mich mit putzmunterem Augenaufschlag an: „Aber solange wir noch Worte haben – wie beginnt denn deine dark story?“ Ich lächle und sammle mich. „Wohlan! Ein Seemann geht in eine Hafenbeiz und bestellt einen Albatros. Davon isst er einen Bissen, geht dann raus und erschießt sich. Was geschah davor? – Und nicht schummeln!“ Das Browserfenster mit dem Copiloten schweigt arglos.