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Traum

Simone

„Mathilda, ich muss dir von einem Traum erzählen, den ich letzte Nacht hatte!“ Mathilda spitzt die Ohren. „Nur zu“, ermuntert sie mich und blickt mich gespannt an. „Jetzt wird’s politisch“, grinse ich, „die bevorstehende Bundestagswahl wirft schon ihre Schatten in mein Seelenleben…“ „Dir bleibt auch nichts erspart“, beömmelt sich Mathilda. „Vor kurzem war ja Robert Habeck auf einer Politveranstaltung in Lüchow. Ich war nicht da, früher wäre ich sicher hingegangen. Aber obwohl ich Habeck noch immer für einen der besseren Politiker halte, hatte ich null Motivation, mich einer politischen Werbeveranstaltung auszusetzen. Egal. Heute nacht jedenfalls war genau das das Setting. Habeck kam in den Landkreis zu einem Politwerbeevent und ich ging hin.“ „Wie praktisch, da konntest du im Bett teilnehmen, ohne den Arsch zu bewegen!“ Mathilda lacht und feixt. „Ich hatte keine hohen Erwartungen, aber wollte doch mal schauen, was kommt“, schilderte ich. „Das Ambiente war ganz offen, nicht einfach eine Bühne, von der die Menschen frontal beschallt wurden. Es war fast kneipenähnlich, man konnte sich in dem Veranstaltungsraum ringsum bewegen. Robert platzierte sich in der Mitte, bei einer Art Tresen, man konnte sich auch dahinter aufhalten, wo es etwas schummriger war. Hier im Dämmerlicht waren wenig Menschen, ich postierte mich mit ein paar Bekannten in vielleicht zehn Meter Abstand vom Redner, schräg hinter seinem Rücken. Ich glaube, es gab hier nicht mal Stühle, aber das war egal. Hauptsache, ich konnte einfach wieder weg, wenns mir zu blöd würde.“ „Okay“, folgt Mathilda. „Und hast du was verstanden?“ „Ja. Und das war ernüchternd. Eine müde Sentenz der Bauchpinselung seiner Zuhörer, der Leute aus dem Atomwiderstand. Es war wie ein verstaubter Film von vor dreißig Jahren. Und ich erinnerte mich, genau diese Worte auf einer früheren Veranstaltung von Habeck hier gehört zu haben. Ich wurde wütend. Was sollte das!? Hat der nicht gemerkt, dass sich die Erde weiterbewegt hat? Dass da jetzt auch ganz andere Leute stehen, dass sich Problemlagen geändert haben? Dass das Spiel nicht mehr der Kampf schwarz gegen weiß, gut gegen Böse ist?“ „Hmm, jetzt wird’s interessant…!“ Mathilda stützt den Kopf auf die Hand und blitzt mich an.

„Ja. Ich spürte in mir den Druck steigen, dann platzte mir der Kragen. Ich hörte mich in Richtung des Redners schreien: ‚Genau dasselbe hast du hier schon vor x Jahren gesagt! Als ob sich nix geändert hätte! Das kann doch nicht wahr sein!?’“ „Gut so“, feuert mich Mathilda an. „Wurdest du denn gehört?“ „Der ganze Raum war plötzlich in eine erstarrte Stille getaucht, die man hätte schneiden können. Es war wie bei diesem Hai, den ich kürzlich in der Arte-Doku über Schleim gesehen hatte. Als er in einen Aal biss, sonderte dieser blitzschnell eine Substanz ab, die das Wasser zu einem festen Gelee erstarren ließ. Der geschockte Angreifer suchte mit aufgerissenem Maul, von dem Gelpfropfen geknebelt, das Weite.“ „Cooler Trick!“ freute sich Mathilda. „Und Robert, war der auch geknebelt?“ „Er brachte jedenfalls kein Wort mehr heraus. Er war wie paralysiert. Er hatte vorher schon müde gewirkt, am Rande seiner physischen und psychischen Kräfte und hatte wohl versucht, die Veranstaltung nach altbewährtem Muster abzuspielen, hier war es ja für einen Grünen gewissermaßen ein Heimspiel. Aber es war nicht mehr wie früher. Das ganze System war so fragil und stand unter solcher Spannung, dass dieser kleine Steinwurf genügte, um das ganze Glashaus – sinnbildlich gesprochen – mit Rissen zu durchziehen. Im nächsten Moment würde es zusammenbrechen.“ „Und du mittendrin, hui!“ Mathilda guckt gespannt. „Robert hatte sich zu mir umgedreht, er war aschfahl im Gesicht. Ich konnte richtig sehen, dass sein Hirn wie leergefegt war. Er war völlig aus dem Konzept, hatte die Kontrolle verloren. Wie ein Zombie wankte er auf mich zu. In seinen Augen sah ich seine hilflose Ohnmacht. Und seine Verletzlichkeit. Das ganze Exoskelett aus Rhetorik und Rollenverhalten war in sich zusammengebrochen.“ „Wie eine Schildkröte ohne Panzer, ojoj…!“ fühlte Mathilda mit. „Genau so. Es war zum Erbarmen. Ein Häuflein Mensch, das nicht weiterwusste. Aber hey – endlich ein Mensch!“ Mathilda blickt mich gespannt an. „Man merkt, jetzt dreht sich gleich was…“ „Ich fühlte plötzlich, unter welch ungeheurem Alltagsdruck dieser Mensch steht und wie seine Rolle ihm bisher geholfen hatte, das durchzustehen. Und jetzt war da nix mehr zum Festhalten. Nix. Nur… Ich war wie in Trance. Ich spürte mich mit wenigen, langsamen Schritten auf ihn zugehen. Sah ihn an. Sah, dass er nicht wusste, was jetzt kommt. Nahm ihn in die Arme. Nahm ihn in die Arme und in mein ganzes Herz.“ Mathilda pustet den Atem hörbar aus. Pfffff!! „Es war immer noch ganz still im Saal“, fuhr ich fort. „Ich fühlte mich wie in einem Film, ich nahm die Umgebung nur schemenhaft wahr. Es war nicht das ICH, das handelte, es war ES, etwas Größeres und ich ließ es nur zu. Es war klar – die Veranstaltung, wie sie geplant war, war geplatzt. Aber was würde jetzt werden? – Einige lange Momente später ging ich mit Robert langsam wieder vor zu der Stelle, von der aus er gesprochen hatte, neben dem Tresen. Er wirkte immer noch rat- und hilflos, aber ein bisschen gefasster. Es war klar – ihm und dem ganzen Saal, dieser Moment bedeutete das Kollabieren des Systems, das schon lange hohl war. Es hatte sich zu weit von den Menschen entfernt. Die Frage war, wie konnte es jetzt weitergehen? Hier im Moment und im großen Ganzen?“ „Und“, tastet Mathilda vor, „bekamst du eine Antwort?“ „Ich hörte mich schließlich sagen, lass uns einen Bürgerrat einrichten. Der soll als erstes eine grundlegende Neuordnung dafür schaffen, wie Menschen sich in der zentralen Organisation verantwortlich für unser Land einsetzen können. Wie Menschen gute Politik machen können. Dazu gehört als erstes, dass die Arbeitsbedingungen menschengemäß sein müssen. Diese 16-Stunden-Tage, der ständige Termindruck, die Zerrissenheit zwischen Lobbygruppen und Machtinteressen… all das hat nicht nur das System korrumpiert, sondern auch die in ihm arbeitenden Menschen von innen heraus zerstört. Es hat nur Zombies zurückgelassen, die nach den eingespielten Regeln funktionieren und dem Volk ein Theater nach altbekanntem Muster vorspielen. Und die Strippen ziehen Mächte, die irgendwo außerhalb sitzen, die die Akteure wie Puppen an Fäden aus Geld und Egointeressen tanzen lassen.“ Mathilda blitzt mit den Augen. „Und warum funktioniert das Ganze?“ „Der Traum hatte eine klare Antwort: Weil die Menschen nicht mit sich verbunden sind. Nicht mit sich und deshalb auch nicht miteinander. Und das je mehr, je größer der Druck von außen ist.“

„Ein Bürgerrat für eine organisatorische Neuordnung klingt gut“, Mathilda klopft sich mit den Fingern sinnierend auf die Backe. „Allerdings ist es mit dem Auswahlsystem nach Zufall wenig wahrscheinlich, dass du dann mit dabei wärst…“ gibt sie mit schelmischem Seitenblick zu bedenken. Ich ziehe eine gespielte Schnute, dann erkläre ich: „Mathilda, das ist wurscht. Wenn das Setting in einem Bürgerrat stimmt, dann kommt es nicht drauf an, WER da sitzt. Klar kommt es auf die einzelnen Menschen an. Aber eben dass sie sich mit ihren Herzen verbinden und nicht mit ihren Interessen. Das mit den Interessen folgt dann, wenn jeder in der Lage ist, die Interessen, nein die Bedürfnisse! – des anderen zu spüren, als wären es seine eigenen. Dann ist die Hauptarbeit geschafft. Auf dieser Basis kann dann eine Lösung entstehen, die allen gerecht wird. Und die allen lebenswerte Bedingungen verschafft. DAS brauchen wir – nicht nur für unsere Politiker, sondern für alle Menschen.“ Mathilda patscht mit der flachen Hand auf den Tisch. „Tataaaa!! Wir haben die Lösung, yeah!“ Ich lache laut auf, fast ein wenig zu schrill… Mathilda wirft mir einen forschenden Blick zu. „Was denn, hat da jemand Schiss? – Hast du heute dein Wölfchen schon gefüttert?“

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