„Mathilda, da braut sich was zusammen…!“ Ich stiere fassungslos auf die Zeitungsseiten des Auslandsteils unseren Provinzblatts. Mathilda schlendert heran. „Schau dir diesen spannenden Morgenhimmel an“, freut sie sich ungerührt. „Apricotschein am Horizont und darüber die taubenblauen Wolkenbänke wie aus dem 3-D-Drucker.“ „Wie romantisch“, flöte ich zurück. „Hier, ist das auch romantisch? Trump will sich Grönland und den Panama-Kanal einverleiben und reihenweise kriechen ihm die Medienkonzerne in den Arsch. Die ‚öffentliche Meinung‘ habe sich gewandelt. Ich lach mich schlapp…!“ Ich kann mir einen bitteren Unterton nicht verkneifen. Bevor Mathilda etwas kommentieren kann, platze ich los: „Hey, die Reinkarnation kann noch warten! Und dass dann irgendwas besser wäre, ist ja auch nur Romantikträumerei!“ Mathilda schaut mich an und grinst. „Hey Schildkröte! Bist ja heute richtig auf speed, wa?“ „Wart bloß ab, bis ich meinen Panzer geölt hab…!“ Ich grinse diabolisch. „Ne du“, seufze ich, das ist bald nicht mehr lustig, was da abgeht. Eigentlich bahnt sich das ja schon lange an. Aber plötzlich…“ ich halte inne. „Plötzlich beginnt sich da was eng anzufühlen. Eng und bedrohlich. HIER in meiner Komfortzone.“ Ich schreie es fast.
Mathilda lässt sich in den Papasansessel am Kachelofen fallen. „Ja“, lümmelt sie. „Kann sein. Die Komfortzone bewegt sich auf die Rote Liste zu.“ „Und du bist da ganz entspannt, wa?“ entgegne ich aufgereizt. Mathilda guckt mit unschuldigem Augenaufschlag. „Da steht ein bequemer Sessel und ich hab Lust, sein Angebot anzunehmen.“ Sie grinst genießerisch. „Du siehst drumherum schon die Haiflossen kreisen, was?“ Sie legt ein paar genussvolle Momente des Schweigens ein. Und erklärt dann: „Ja, wir sitzen auf einem Floß. Und der Wetterbericht ist… scheiße.“ Sie wirft sich herum und guckt mich über den Rand ihres Rettungsbootes an. „Und, kannst du schwimmen?“ – „Ehm, einigermaßen. Aber nicht tauchen.“ „Naja, irgendwie musst du wohl umgehen mit diesem ungemütlichen Element…“ Sie tunkt einen spitzen Finger in die imaginären Fluten. „Und duuu?“ frage ich gedehnt? „Naja, wir natürlich.“ Sie grinst verschmitzt, dreht sich um und leckt sich den Finger ab. „Schmeckt salzig.“ „Achwas!“ erwidere ich. „Ist das das Meersalz oder dein Angstschweiß?“ Sie dreht sich wieder um und schaut mir ruhig und tief in die Augen, ohne ein Wort zu sagen. Jaja, ich weiß. Sie hat keine Angst, ihr graut vor nix. ICH bin es, die allmählich die Hosen feucht hat.
„Ein Gedanke tröstet mich gerade ein bisserl…“ kommt es langsam aus mir heraus. „Naa?“ Mathilda schaut mich gespannt an. „Es ist das Wissen, nein die Gewissheit, dass in dieser dunklen Woge schon der Keim der Gegenbewegung steckt.“ Mathilda lächelt und stupst mir mit ihrem Salzfinger auf die Nase. „Hier, dein Angstschweiß. Gemischt mit dem Meersalz. Is lecker. Und…“ sie wispert mit Verschwörermiene „das ist ein Powerfood.“ „Aber“, schiebt sie beiläufig nach, „sag’s nicht weiter, sonst machen die Konzerne wieder ein Geschäft daraus.“ „Naja, wer will schon Angstschweiß haben…“ Ich wende mich dem Rechner zu. „Die KI sagt, Angstschweiß stinkt mehr, weil er mehr Proteine und Lipide enthält als normaler Schweiß.“ „Die animalische Komponente“, erklärt Mathilda. „Verbunden mit der mineralischen Komponente. Wenn das kein Superfood ist!“ Sie grinst. „Aber tatsächlich ist die Angst ja erstmal nur ein Indikator. Da liegt was drunter, was die Angst schützen will.“ „Ja, die nackte Haut, die sich retten will“, grinse ich schief, „und alles, was ihr lieb ist.“ „Und“, bohrt Mathilda weiter, „wem gehört die Haut? Wie fühlt sich denn das Viech an, das sich retten will?“ „Hmm…“ ich sinke einen Stock tiefer „es hat auf jeden Fall Zähne. Und das sind nicht nur welche, um Klee zu mümmeln.“ Mathilda lacht auf ihrem Fläzsessel, dreht sich wieder zu mir und guckt mir tief in die Augen. „Sitzt da vielleicht ein Wölfchen?“ Ich stutze und stiere ins Nichts. „Und…“ fährt sie fort, „möchte das Wölfchen wachsen und schwimmen lernen? Oder gar tauchen?“ Ich grinse sie etwas hilflos und zweifelnd an. „Ich denke an deine Worte, Mathilda. Morgen beim Zeitunglesen.“