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Schwarm

Simone

„Na, gibt’s was Neues in der Welt?“ Mathilda schlendert heran, einen dampfenden Kakao in der Hand. Ich lasse die Zeitung sinken. „Nö. Naja, Trump will Kanada frühstücken und sich von Putin Tipps holen, wie man ein Land einnimmt, das dagegen rumzickt. Also – im Westen nix Neues.“ Mathilda grinst. „Das klang gestern noch anders.“ „Stimmt. Bin ich jetzt schon abgestumpft? Gelangweilt? Eskalieren die Auftritte in der Arena nicht mehr doll genug, um mich zu thrillen? Ich weiß es nicht…“ Ich lasse den Blick nach draußen schweifen. Dann wende ich mich wieder zu Mathilda. „Weißt du, die große Frage, die für mich über allem steht, ist ‘Wie kommen wir da durch? Wie komme ich da durch? Wie kann ich mich vorbereiten?‘ Und vor allem, worauf?“ „So genau weiß das wohl keiner“, Mathilda legt die Füße hoch. „Es ist halt wie im wirklichen Leben.“ „Tja, das Leben ist auf einmal zu einer verrückten Show geworden, wie sie sich Monty Python, Malmsheimer und Hatzius im Trio nicht wilder hätten ausdenken können. Eine Achterbahnfahrt der Skurrilitäten. Nach jeder Biegung kommt noch ein weiterer irrsinniger Loop. Irgendwann ist das Kotzpotenzial erschöpft…“ Mathilda grinst. „Man merkt, du bist im soliden politischen Umfeld der Ära Kohl sozialisiert worden. Als du das erste Mal wählen durftest, war das eigentlich gar keine Wahl. ‘Weiter so‘ war die Devise für die ‘Generation Apfelshampoo‘.“ Ich lache auf. „Ja, dieser Begriff war gestern mein Highlight in der Zeitung. Und natürlich hatte ich auch so ein Zeug mit den grünen Kunstäpfeln drauf. Heute würde die kein Mensch mehr kaufen. Aber das Shampoo, wer weiß…“ „Wäre bestimmt wieder ein Renner“, keckert Mathilda. „In volatilen Zeiten müssen sich Menschen an Altbewährtem festhalten.“ „Ja,“ entgegne ich, „das ist gerade auch die Schwierigkeit. Wir werden konfrontiert mit bisher nicht dagewesenen oder sogar bisher nicht vorstellbaren Dingen und Situationen. Und woran halten wir uns dann erschrocken fest?“ „Apfelshampuuuu!“ quietscht Mathilda aufgekratzt, schnappt sich einen Becher vom Tisch und wedelt damit vor meinem Gesicht herum wie ein Exorzist vor dem Satan mit dem Heiligen Kruzifix.

Ich weiche zurück und grinse müde. „Lassma stecken. Die Frage ist doch zu ernst, findest du nicht?“ Mathilda lehnt sich zurück, schlürft ihren Kakao und blickt mich über den Tassenrand an. „Also, was willst du tun?“ Ich räuspere mich. „Mein Gehirn funktioniert ja erfahrungsgemäß so, dass es Situationen gedanklich vorwegnimmt. Und dann mögliche Reaktionen durchspielt. In der Hoffnung, dass da was Sinnvolles dabei ist. Wenn das innere Team zu dem Schluss kommt, dass eine bestimmte Linie sinnvoll sei, trainiert es sich darauf. Wie die Sportler, die ihre Abfahrt vorher geistig durchspielen, bevor sie sich den vereisten Hang runterstürzen.“ Mathilda guckt mich weiter an und schlürft. „Okay“, sagt sie schließlich. „Und dann ist in der Kurve, die du geistig perfekt geübt hast, plötzlich ein Baum umgefallen. Oder ein Elch steht im Weg.“ „Tja, dann wird’s spannend.“ entgegne ich. Mathilda grinst. Ich glaube, sie ist in ihrem Element. „Vielleicht ducke ich mich ganz schnell und flitze unter dem Elch durch…“ sinniere ich. „Aber das weiß ich dann erst hinterher. Falls ich da heil rausgekommen bin.“ Ich lasse den Blick nach draußen schweifen. „Also geht die Frage weiter. Wie kann ich mich auf Elch und Co vorbereiten? Auf das Namenlose, das bisher Unvorstellbare? Geht das überhaupt?“ „Aaaalsoo“, Mathilda blickt über ihre Tasse nach draußen und wirkt, als sortiere sie den Baukasten der Sprache nach einigermaßen brauchbaren Klötzchen… vielleicht will sie mir aber auch nur Zeit zum Eintunen geben.

„Sicher ist“, setzt sie schließlich an, „du kannst diese Vorbereitung nicht so trainieren, wie du deine Rennstrecke trainierst, bei der du immerhin auch einige weniger wahrscheinliche Szenarien durchspielen kannst. Du kannst nicht so trainieren, dass du Abläufe im Hirn festlegst, die dann das Kleinhirn wie ein Reflex befolgt, weil es auf einen bestimmten Reiz programmiert wurde. Das führt vielleicht sogar eher zu Unfällen. Dann polterst du vielleicht den Hang runter, weil du dem Elch reflexartig ausweichen willst. Aber wenn du eingetunt bist, duckst du dich einfach und du saust unter dem Elch durch. – Nein,“ sie hebt den Zeigefinger und präzisiert, „nicht DU duckst dich – ES duckt dich.“ Sie lehnt sich wieder zurück, schließt die Augen und schlürft. „Hmm, okay, das ist dann gar nicht meine Leitstelle, die mich da durchflutschen lässt?“ hake ich nach. „Ja und nein“, antwortet Mathilda. „Hast du dich schonmal gefragt, wie eine Meute Vögel es schafft, in einem Schwarm wie EIN großes Wesen herumzuflitzen? Sie machen die verrücktesten Bewegungen, ganz kohärent und harmonisch, ohne aneinander zu rempeln. Da ist auch kein sichtbarer Kopf oder Kern, der Entscheidungen trifft. Es ist wie ein wogender Gesamtorganismus der wie aus dem Nichts gesteuert wird.“ Ich lächle in Erinnerung an einen Schwarm von vielleicht zweihundert kleineren Vögeln, den ich vor Kurzem fasziniert über den Feldern hinter unserem Dorf beobachtet hatte. Aus den nahestehenden Bäumen hatten sich immer wieder Vögel gelöst, die in den kahlen Zweigen wie Blätter hingen, und sich in den Schwarm integrierten, andere lösten sich daraus, bildeten einen kleineren tanzenden Organismus oder flogen zurück in die Bäume. „Es ist wie ein Energiefeld, in dem sich die Vögel bewegen“, sinniere ich. „Ein größeres Muster, und die Individuen geben sich diesem gemeinsamen Tanz ganz hin, obwohl sie ansonsten auch individuelle Entscheidungen treffen.“ „Da hast du‘s“, entgegnet Mathilda. „Hingabe ist das entscheidende Wort. Dein Kopf muss loslassen. Das ist ein Sprung ins Vertrauen an das Leben. Dann klinkst du dich in das größere Muster ein.“

Mein Verstand versucht zu folgen und steht vor einer Klippe, darunter gähnt das Nichts. „Hey, gib mir wenigstens einen Fallschirm!“ krähe ich. Mathilda lacht. „Ja, wir sind zeitlebens darauf getrimmt, dass alle Risiken abgesichert werden, doppelt und dreifach. Und genau das spiegelt sich auch in der aktuellen Politik und den immer hektischeren Bemühungen, das drohende Desaster abzuwenden.“ „Naja, das Fazit kann doch nicht sein, nichts zu tun, wenn wir sehen, dass wir auf den Abgrund zurasen.“ Mathilda schaut mich an. „Du wirst nicht nichts tun, wenn du den Verstand mal in die zweite Reihe stellst“, sagt sie bestimmt. „Du wirst das tun, was getan werden will. Und das ist nicht das, was du dir vorher am Schreibtisch ausgedacht hast.“ Sie lehnt sich zurück. „Wie spüre ich denn, was getan werden will?“ hake ich nach. Mathilda frozzelt: „Der Verstand fühlt sich einfach sicherer, wenn er ein Rezept aufschreiben kann, was?“ Aber nach einer Weile wird sie weich. „Sag dem Verstand, ich kann ihm nicht sagen, WAS er tun soll. Ich kann nur eine Idee davon geben, wie es sich anfühlt, wenn du eingetunt bist.“ „Das ist ja schonmal was…“ Mein Verstand klingt heiser und versucht, sich angstvoll von Mamas Hand zu lösen. Das Ich winkt dem Verstand ermunternd nach ‘Ich hol dich nachher wieder ab, ganz bestimmt! Und sei schön brav in der Zwischenzeit…!‘ und wendet sich dann um, um einen Weg zu gehen, der keiner ist. Noch nicht.

„Der Weg entsteht beim Gehen“, das haben wohl schon verschiedene Menschen propagiert, sei es für die intimere Erkundung der äußeren oder der inneren Natur. Es entsteht ein Gefühl von Weite und gleichzeitig von Aufgehobensein. Von unendlicher Freiheit und gleichzeitig von existenzieller Verbundenheit mit allem Lebendigen. Und einer Gewissheit, die sich ausbreitet: Es gibt gar nichts Unlebendiges. Es gibt nichts „Totes“. Alles lebt, alles schwirrt und tanzt in inniger Verbundenheit. Vor dem geistigen Auge rutsche ich unter dem Elch durch, halte inne, sehe, fühle das warme Bauchfell. Meine Hände können nicht anders, sie greifen hinein in die weiche Wärme, ich lasse mich hineinziehen in diese Bauchwärme, diesen Uterus, löse mich darin auf…

Ein wildes Schnauben lässt mich herauspurzeln aus dem schönen Traum. Weiter hinten sehe ich den Verstand auf mich zurennen, begeistert wedelt er mit den Armen. „Hey guckmal, was ich gebaut habe!“ Er schnappt mich an der Hand und zieht mich um die nächste Kurve. Da steht es, ein wunderbares, monströses Kunstwerk – ein Elch aus Schnee. Der Verstand strahlt versonnen. „Damit kannst du deine nächsten Abfahrten trainieren!“ Ich lächle und denke an den Frühling…

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