„Herrlich diese Sonntage ohne Zeitung!“ Ich räkle mich mit der Tasse auf dem Sofa. Mathilda lacht. „Ja, du wirkst heute richtig schön entspannt. Warum liest du überhaupt Zeitung?“ Ich denke einen Moment nach. „Ach weißte“, kommt es dann, „ an einem Wochentag freu ich mich morgens auf die Zeitung. Und am Sonntag freu ich mich auf zeitungsfrei. Das sind zwei verschiedene Modi.“ Mathilda guckt, nippt an ihrem Tee und nickt. „Heute ist schon der ganze Tag wie ein langer, ruhiger Fluss. Kaffeetrinken… Bad putzen… Pflegebürokratie erledigen… ins Nachbardorf radeln und die Lage peilen für unseren Holztransport morgen…“ ich stocke. „Wenn ich das so benenne, klingt das wie tasks abarbeiten. So seelenlos. Tatsächlich habe ich mich dabei gefühlt, als ob ich in einer zeitlosen Strömung schwimme. Herrlich! Ich war ganz aufgelöst im Moment und habe immer gerade das gemacht, was mich rief. Wie früher als Kind, wo eine meiner Hauptkompetenzen war, Löcher in die Luft zu gucken.“ Mathilda lacht. „Vielleicht die meistunterschätzte Kompetenz überhaupt. Man könnte sie aufwerten, indem man dafür Seminare mit Zertifikat anbietet…“ Ich schiele zu ihr herüber. „Ist nicht ernst gemeint,“ grinst sie dann. „Ist ja wie mit der Freiheit, sperrst du sie ein, ist sie weg.“ Ich lächle. „Ja, ich merke in letzter Zeit, dass ich mehr und mehr zurückfinde zu dieser Kompetenz. Mir kommt dieser Raum vor wie das Paradies, aus dem wir vertrieben wurden, das fing spätestens mit der Schule an. Und dann geht’s ja immer weiter. Du musst dein Leben möglichst effizient organisieren und gucken, wie du dich über Wasser hältst. Da ist der beflissene Mitarbeiter da oben schon ganz schön gefordert.“ Ich klopfe mir an die Stirn. „Und irgendwann denkt er dann, er ist der Chef“, giggelt Mathilda.
Ich lehne mich zurück und schaue in den sanften Spätnachmittagshimmel, der auch durch die Lücken der Bretterverkleidung des Nachbarhauses leuchtet. „Vielleicht ist das im Lebensverlauf ja auch ganz stimmig so“, überlege ich. „Wir bauen uns was auf – ein schickes Haus, kriegen vielleicht Kinder, machen Karriere… da muss man ja funktionieren. Ohne Kontrolletti biste da verloren. Der baut ja im Lauf deines Lebens phantastische Kompetenzen auf und aus. Organisiert, plant, wägt ab, erstellt Bilanzen… wenns gut läuft, hilft er dir damit, Freiräume zu schaffen…“ – „…in denen du dann Löcher in die Luft gucken kannst!“ juchzt Mathilda. „Genau“, grinse ich. „Aber diese kleinen Freiräume sind bestenfalls ein Kostpröbchen, ein Zuckerl. Das heute war schon eine zweistöckige Sahnetorte“, schwelge ich. „Und diese Zeiten werden größer und tiefer. Vielleicht hat das was mit dem Älterwerden zu tun…“ überlege ich. „Ich habe das Gefühl, dass ich wie von selbst allmählich in eine Phase eintauche, wo ich fähig bin, stundenlang dazusitzen und dem Weltenkarussel dabei zuzugucken, wie es sich dreht. Früher war’s mir ein Rätsel, wie diese alten Leutchens ganze Tage damit verbringen können, am Fenster zu hocken und zu gucken wie ein Hund auf den Weg kackt oder die Nachbarin ihre Pyjamas aufhängt.“ Mathilda grinst mich breit an. „Kein Zweifel. Du qualifizierst dich gerade für die Greisenolympiade. Disziplin: Nixtun.“ Ich schließe genussvoll die Augen. „Nichtsdestotrotz“, erhebe ich schließlich die Stimme, „habe ich heute doch allerlei getan. Oder vielleicht sollte ich sagen, es wurde getan und hat mich dazu benutzt. Es ist einfach durch mich durchgeflossen. Es war nicht wie etwas tun, sondern wie ein Seinszustand. Ja. Da will ich weiter hin. Das fühlt sich gut an. Ich lass mich einfach vom Leben benutzen. Und es geht ganz suutsche in einem beschaulichen Tempo. Eigentlich spielt das Tempo auch gar keine Rolle. Irgendwann ist eine Sache beendet, wenn es sich rund und gut anfühlt. Und dann guck ich mich um. Und vielleicht ruft dann was anderes. Oder auch nicht. Dann steh ich da und fröne meiner Kernkompetenz. Und bin einfach glücklich und zufrieden.“ Ich seufze versonnen. „Und wenn du nach einem solchen Tag morgens aufstehst, hast du plötzlich Bock, Bäume auszureißen“, visioniert Mathilda. „Wer weiß“, grinse ich. „Für morgen wär das gar nicht so schlecht. Wir wollen’s ja warm haben, wa?“