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Künstler

Simone

„Sachma, Mathilda“, hebe ich an, während ich aus dem Wohnzimmerfenster in die Sonne blinzle. Mathilda meldet ein „Hmmm…?“ ohne aus ihrer Sofafrühlingsgenießerposition aufzuschauen. „Du sagtest kürzlich, Kinder und Künstler seinen ‘fast‘ dasselbe.“ „Jo“, stimmt Mathilda zu. „Was ist denn der Unterschied?“ Mathilda lächelt mit geschlossenen Augen in die Sonne und verschränkt die Arme hinter ihrem Kopf. „Gute Frage.“ Die Schneeglöckchen zwischen den trockenen Haselblättern wackeln neugierig mit den Köpfen.

„Fangen wir doch mal damit an“, setzt Mathilda an. „Was sind Kinder?“ Sie blickt mich mit herausforderndem Augenaufschlag an. Ich schmunzle. „Aliens?“ „Oder Erdlinge?“ entgegnet Mathilda. „Mir kommt ein Foto in den Sinn, auf dem ich versunken in eine große Tulpenblüte blicke, die ich gerade gepflückt hatte. Ich sitze auf Mamas Arm und bin hin und weg, wie Alice im Wunderland.“ Mathilda lacht. „Du entdeckst das Zauberland, das dein Zuhause ist.“ „Ja. Muss ganz schön aufregend sein, das Kindsein. Es gibt so viel zu entdecken, auszutesten, zu erschmecken…“ Ich schließe die Augen und beame mich in Gedanken zurück. „Da gibt es so viele lustige Wesen. Die Ameisen haben mich besonders fasziniert. Vor allem die großen, auf Korsika. Wie sie geschäftig auf ihren ausgetretenen Straßen herumwuselten. Ich habe ihnen Lieder vorgesungen. Oder die dicken Hummeln, wie sie in die Löwenmäulchen reingekrabbelt sind und sich nach und nach die Höschen vollgemacht haben. Überhaupt war die Welt vollkommen durchseelt, alle möglichen Wesen sprachen zu mir und ich zu ihnen. Es war das Normalste von der Welt.“ „Erdling“, diagnostiziert Mathilda lächelnd und lehnt sich auf dem Sofa zurück. Ich sprudele weiter: „Und dann hab ich alle möglichen Sachen gebaut. Mit Zweigen, Stöcken, Blättern… mal eine Hütte zum selbst reinkriechen, mal Klamotten für meine Spielfiguren, die natürlich auch ihre Hütten bekamen. Da gab es einen Strauch im Garten, der hatte so tolle Blätter, die wie Leder aussahen. Das gab schöne Liegematten und Dachabdeckungen.“ „Erdling practicus“, kategorisiert Mathilda grinsend. Sie dreht sich zu mir und blickt mich an. „Was ist denn, wenn du heute in eine Tulpenblüte guckst?“

„Hmmm…“ Ich schließe die Augen. Und sinke ein in einen magischen Raum. „Es ist, wie in eine Wunderwelt einzutauchen. Dieser Raum mit der flammenden, zarten Umhüllung… geradezu sakral. Mit dieser Gruppe der sechs aufragenden Staubblätter. Und in der Mitte dieser kleine Altar. Ein Fruchtbarkeitsaltar“, lächle ich, „hier fällt der Wunderstaub drauf und dann – zauberzauber – wird dadraus ein Same für neue Tulpen. Und alles hat so eine wundervolle Geometrie und Schönheit…“ Ich blicke aus dem Fenster und fühle das inspirierte Glitzern in meinen Augen. „Ja, wenn ich heute da reingucke, bin ich einerseits genauso verzaubert wie damals und doch ist es anders. Mein Verstand hat inzwischen gelernt, wie das alles beschaffen ist und funktioniert. Er hat Begriffe gelernt und sortiert die Dinge entsprechend ein.“ „Bauklötzchenbiologie“, kichert Mathilda. Ich spule den Unterrichtsstoff weiter: „Der Verstand weiß, dass der Zauberstaub dazu da ist, dass sich die Pflanze fortpflanzen kann. Und dass er extra lecker für die Bienen und Hummeln gemacht wurde, damit die kommen und der Pflanze beim Fortpflanzen helfen. Ich habe gelernt, dass die einzelne Art nur leben kann durch das Netz an Kooperation mit vielen anderen Arten. Ja und je weiter ich mit dem Verstand hier eindringe, desto ehrfürchtiger werde ich. Merke irgendwann, dass ich gerade mal an der Oberfläche kratze und dieses ultrakomplexe Lebensmuster nie in seiner Gänze durchdringen kann. Und dass das Leben – mein Leben – funktioniert, ohne dass alles von mir bewusst gesteuert wird. Wahnsinn!“ Mathilda bohrt in der Nase und inspiziert neugierig den Lebensraum, den sie zutage gefördert hat. Dann lässt sie ihn schnell im Mund verschwinden. „Igitt!“ pruste ich. „Jetzt hast du eine ganze Lebensgemeinschaft ins Jenseits befördert!“ Mathilda dreht sich zu mir und grinst breit. „Ja, und die füttert jetzt eine andere Lebensgemeinschaft. Was glaubst du, wie die sich freut!“
Ich sinniere aus dem Fenster. „Ja, dieses Ineinandergreifen von Leben… das ist schon ein unglaublich phantastisches Geschehen… und wenn man in die kleinsten Strukturen und Teilchen und Zusammenhänge reingeht… was es alles für Abstimmungsprozesse braucht, zwischen jeder einzelnen Zelle und ihren Nachbarn… und was dann für feinste Regulierungen auf molekularer Ebene stattfinden. Und dieses hochkomplexe Informationsnetz über die Nervenbahnen. Und dann geht’s weiter mit dem Energienetz über Meridiane und Nadis, was wir ja mit normalen technischen Geräten nicht mehr recht erfassen können. Trotzdem ist die Energie der Träger des Lebens.“

Ich kneife die Augen zusammen, blinzle in die Sonne und in die wunderbare Welt da draußen. Dann blicke ich Mathilda an: „Ja, früher war das Herumstromern in dieser Welt einfach ein argloses Entdecken. Heute, mit diesem Hintergrundwissen und dem vagen Gefühl, was da noch alles dahintersteckt, ist daraus ein ehrfurchtsvolles Wandeln geworden…“ Mathilda schnalzt mit der Zunge. „Da hast du’s. Das ist der Unterschied zwischen Kind und Künstler. Der gewisse Schuss Bewusstheit. Und das ist ein richtiger Zaubertrank!“ Ich ziehe die Brauen hoch. „Achja? So wie bei Asterix, wo ich nachher mit zwei Fingern die dicksten Brocken lupfen kann?“ Mathilda grinst. „Naja, bisserl üben musst du dafür schon. Aber der Schuss Bewusstheit ist auf jeden Fall eine gute Ausgangsposition. Du bist also aus dem Abenteuerland der Kindheit rein in ein Zauberland von Beziehungen und Mustern gewachsen. Mit deinem erwachenden Bewusstsein.“ Mathilda schnappt sich das Fernglas, das auf dem Tisch zur Vogelbeobachtung bereitsteht und nimmt mich lachend ins Visier. Ich schaue sie durch die Röhre an. „Ja, so analytische Gedanken und philosophische Vergleiche habe ich früher nicht angestellt. Diese Mustererkennung, das Anklingen von Parallelen aus anderen Zusammenhängen. All diese Formen, die sich in solcher Vielfalt wiederfinden und widerspiegeln. Und die auch auf verschiedenen Ebenen so vieles erzählen, darüber, wie die Welt beschaffen ist und funktioniert. Was Leben bedeutet. Und das in einer Sprache, die wie reine Poesie ist…“ Mathilda grinst. „Na, wenn das kein Künstler ist…“ Lachend schwingt sie eines der auf dem Beistelltischchen drapierten Schwemmhölzchen vom Bodensee wie einen Zauberstab.

„Als Kind entdeckst du dein Zuhause“, resümiert sie. „Du entdeckst dich als Mitgeschöpf unter Tulpen, Hummeln und Ameisen. Eine große, bunte Wohngemeinschaft. Dann kommt das Bewusstsein. Und du merkst irgendwann, dass du selbst auch Schöpfer bist. Mit-Schöpfer.“ „Eiei“, schwant mir, „und das heißt dann auch, mitverantwortlich für den ganzen Laden. Wusste ich doch, dass das Ding einen Haken hat…!“ Mathilda lacht. „Naja, als Künstler kannst du ja zaubern. Du erschaffst Dinge, Zusammenhänge und klar, das hat Folgen im Muster. Aber du zauberst ja immer zusammen mit anderen im Gewebe. Du kannst nix alleine machen, weil alles zusammenhängt, ist klar, ne? Jeder Pups,“ sie lupft eine Pobacke, „erzählt dir, dass da noch viele weitere Mitarbeiter am Start sind, ohne die du keinen einzigen Schnaufer machen kannst. Aber…“ sie schwingt wieder den Zauberstab, „du kannst im Gewebe Impulse setzen. Und dann verändert sich das Muster. Und je mehr du verstehst, wie man zaubert, desto besser bewirkst du, dass ein Muster entsteht, das dir gefällt. Und den anderen Beteiligten.“

Ich überlege. „Also zaubern bedeutet, nicht einfach bauklötzchenartig Dinge zu bewegen, sondern das Muster verändern?“ „Bingo!“ Mathilda strahlt. „Und das ist dann so einfach wie mit dem Zaubertrank im Asterixheft?“ bohre ich. Mathilda hat die beiden anderen Schwemmholzzauberstäbe geschnappt und stellt sie ganz vorsichtig auf dem Tisch zu einem Zeltgestänge zusammen. „Jaaa… irgendwann… wenn du immer besser verstehst, wie das Muster funktioniert. Und was deine Position ist. Und das richtige Timing ist auch entscheidend.“ Ich kratze mich am Kopf. „Hört sich komplex an.“ Mathilda lacht. „Dein Schulverstand muss in der Zauberschule ganz tapfer sein. Da sind andere Kompetenzen gefragt. Aber wenn ihr gut zusammenarbeitet, könnte es was werden.“ Langsam werde ich neugierig. „Wann fängt sie denn an, die Zauberschule?“ Mathilda schaut gemütlich aus dem Fenster und lässt die Beine baumeln. Dann dreht sie sich schwungvoll zu mir um, grinst und tickt das Zauberstabzelt an. „Das war gerade die erste Stunde, klingeling!“ Mit leisem ‘klak‘ purzeln die Stäbe durcheinander.

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