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Kohärenz

Simone

„Hey Mathilda!“ Ich proste Mathilda mit meinem herzstärkenden Weißdorn-Elixier zu. Mathilda lächelt: „Wohl bekomm’s!“ – „Mathilda, erzähl mir doch mal was zu dem Zaubertrank.“ „Weißdorn?“ „Nein, ich meine den, mit dem ich mit zwei Fingern die dicksten Brocken lupfen kann. Über den wir kürzlich sprachen.“ „Ahhja.“ Mathilda grinst in die Sonne. „Was möchtest du denn wissen?“ Ich schlürfe mein Elixier und lecke das Glas sauber. „Also. Wie geht das, dass ich mühelos anstrengende Dinge tun kann?“ Mathilda wippt mit den Füßen. „Was wäre denn anstrengend?“ Ich stelle das Glas ab. „Ach, es gibt so viel… aber nehmen wir mal einen richtig fetten Brocken. Die Küchenbaustelle.“ Mathildas Mundwinkel testen ihre Dehnbarkeitsgrenzen aus. „Das Zauberwort heißt…“ sie lässt einen Bodenseeschwemmholzstab in ihrer Hand tanzen und macht eine bedeutungsschwere Pause „…Kohärenz.“ Ich gucke gespannt. „Und wie geht das mit der Kohärenz?“

„Denk mal an die Baustelle. Was tauchen da für Gefühle auf? Erwartungen?“ fordert sie mich zum Tanz auf. Ich setze vorsichtig einen Fuß vor. „Erwartungen, puh. Dass es dreckig und anstrengend wird, auf jeden Fall. Und dass es monatelang dauert. Dass wir auf alle möglichen unvorhersehbaren Dinge stoßen. Dass der Staub überall durch die Ritzen kriecht und wir die übrigen Zimmer hermetisch abriegeln müssen, was faktisch unmöglich ist. Dass nicht mehr wir unseren Tagesablauf bestimmen, sondern die Erfordernisse der Baustelle. Und dass alles immer teurer wird als vorher gedacht.“ Mathildas Mundwinkel dehnen sich noch ein Stück weiter. Dann lacht sie auf. „Genau. Es wird dreckig und mühsam.“ Sie guckt mich an. „Und?“ Ich bin fast ein wenig empört. „Wo ist jetzt der Zaubertrank?“ „Als erstes…“ Mathilda räuspert sich. „Als erstes musst du wissen, dass es Fallen gibt, die die Wirkung des Zaubertranks mit einem Schlag neutralisieren können. Puff!!“ Sie piekt mit dem Zauberstab in die Luft und lässt einen imaginären Ballon platzen. „Aha.“ Ich warte auf Erhellung. „Das ist zum Beispiel die Vorannahme…“ Mathilda beugt sich zu mir vor und raunt weiter „…dass alles schon nicht so schlimm werden wird.“ Ich fange an zu schwitzen. „Aber es wäre doch schön, wenn alles nicht so schlimm wird…“ wende ich vorsichtig ein. „Zumindest ist es leichter anzufangen, wenn man annimmt, dass alles schon nicht so schlimm wird.“ „Genau.“ Mathilda wirft sich zurück aufs Sofa. „Du tapst dann mit halber Kraft rein, denn es wird ja hoffentlich schon nicht so schlimm werden. Und dann –„ sie dreht sich wieder zu mir und piekt mir mit dem Zauberstab fast ins Gesicht „– und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – wird es doch schlimm. Nein, schlimmer.“ Sie grinst und fläzt sich wieder zurück. Wirft die Arme hoch und und trällert „Schlimmschlimmschlimmdidimm!!“ „Mann, deine Kuttl möcht ich haben!“ blöke ich los. „Du bist wohl als Kind in den Zaubertrank gefallen, was?“ Mathilda guckt mich keck an. „Wer weiß.“

Dann nach einer Erholungspause für mich: „Aber du wolltest ja wissen, wie es NICHT schlimm wird. Wie der Zaubertrank wirkt.“ Ich nicke: „Und ob.“ Mathilda setzt sich jetzt frontal an den Tisch und stützt die Arme auf. „Als erstes: Entrümple deinen Rucksack. Schmeiß diese Steine raus, auf denen ‘schlimm‘ steht.“ „Okay, gern. Aber dann ist der Rucksack ja so leer…“ Mathilda grinst. „Du brauchst ein Vesper was? Dann leg doch eins rein, auf dem ‘Abenteuer‘ steht. Das ist unverfänglich. Das lässt alles offen. Und es ist kein Gegenmittel zu deinem Zaubertrank.“ Mathilda schnappt sich den zweiten Zauberstab und lässt die Stäbe aneinanderklacken. „Als nächstes sattelst du deine Reittiere.“ „Oha!“ Ich werde gespannt. „Gleich mehrere?“ Mathilda zwinkert. „Naja, das bietet sich hier gerade an. Ich sehe da zwei. Eins heißt ‘Dreck‘. Und das andere heißt…“ Ich lache und rufe: „Müüüühe! Das ist bestimmt eine Kuh, oder?“ „Ohhhja, eine dicke, kräftige, wilde Kuh. Mit soooolchen Hörnern!“ Sie spannt die Arme auseinander so weit sie kann. „Und Dreck? Ein Wildschwein mit sooooner langen Dreckswühlnase, was?“ Ich ziehe meine Nase in die Luft und pruste. Mathilda quiekt. „Yeah, genau! Ein wildes, riesiges Dreckswühlschwein! Voll inbrünstiger Lust, sich in das nächste Matschloch zu stürzen, je tiefer und dreckiger, desto besser!“ Ich lache. „Verstehe!“ Mathilda lächelt. „Gut. Du bist jetzt schonmal gefühlsmäßig eingetunt. Und dann –„ sie trommelt mit den beiden Zauberstäben auf den Tisch, „musst du die Viecher reiten lernen.“ „Oha!“ grinse ich. „Hört sich herausfordernd an. Und wie geht das?“ Mathilda lümmelt sich wieder aufs Sofa. „Eigentlich ist es ganz einfach. Sie müssen immer genau wissen, was du willst. Wenn du da klar bist, dann geben sie dir all ihre Kraft.“ „Wie bei den Pferden“, erinnere ich mich an meine Reitversuche vor Jahrzehnten. „Wenn die meine Unsicherheit merkten, wars vorbei, dann machten sie, was sie wollten… aber wenn ich klar war, dann geschah dieses Wunder… dann wurden Reiter und Reittier wie ein Geschöpf. Mit einer vereinigten Energie.“ „Genau“, stimmt Mathilda ein. „Das Tier gibt dir seine Kraft, wenn es spürt, was du willst. Wenn du mit jeder Faser klar ausgerichtet bist.“

„Was ja immer wieder den Energiefluss bremst, sind diese Ängste und Bedenken…“ überlege ich. „Nicht jede Angst ist sinnlos“, kommentiert Mathilda, „aber die meisten Ängste sind nur unnötige Energiewirbel. Und die bewirken dann erst, dass es schief geht.“ „Okay, es gibt also auch begründete Ängste und Bedenken?“ hake ich nach. „Sicher“, entgegnet Mathilda. „Wenn dein Zaumzeug schadhaft ist, kann es schon sein, dass dein Wildschwein mit dir durchgeht und du auf die Nase fliegst. Also kümmere dich darum, dass dein Werkzeug und was du brauchst, in Ordnung ist. Dich mit blindem Gottvertrauen ins Abenteuer zu stürzen ist nur – dumm. Gott hat dir schließlich auch den Verstand gegeben“, zwinkert Mathilda. „Ja, verstehe. Gute Planung und einsatzbereites Werkzeug sind wichtig. Trotzdem schießen da oft Ängste quer, gerade wenn es um unvertrautes Terrain geht. Und da ist es gar nicht so einfach, begründete von unbegründeten Ängsten zu unterscheiden.“ „Stimmt“, bestätigt Mathilda. „Manchmal hilft nur die Erfahrung. Und erstmal ein Schuss Mut, reinzuspringen in diese Ungewissheit. – Wie war das nochmal bei deinem Wen-Do-Kurs mit diesem Brett?“ Ich überlege. „Du meinst, dieser Frauen-Selbstverteidigungskurs vor dreißig Jahren?“ „Genau der“, strahlt Mathilda. „Adlerkralle und so. Aber das mit dem Brett war eine schöne Übung mit praktischem Erkenntniswert.“ Ich lächle und fühle das Leuchten in meinen Augen. „Jau! Wir sollten als finale Übung ein Brett durchschlagen. Mit der bloßen Hand, wie Karate-Kid. Alle hatten erstmal Schiss, sich wehzutun, ich natürlich auch. Dann sagte unsere Trainerin, ihr dürft nicht aus Angst bremsen, wenn ihr zuschlagt, sonst geht’s in die Hose. Dann bleibt nicht nur das Brett heile, sondern es tut auch weg. Sie sagte, ‚Ihr müsst tiefer schlagen wollen als das Brett. Konzentriert euch auf diesen Zielpunkt unter dem Brett.’“ „Damit hast du gedanklich das Brett schonmal pulverisiert“, grinst Mathilda. „Genau.“ Ich kneife die Augen zu entschlossenen Schlitzen zusammen wie Terence Hill, der auf einen übermächtigen Gegner den Revolver anlegt. „Das Ziel ist klar und kohärent mit dem Willen, das Ding durchzuziehen. Dann muss das Hirn nur noch den Auslöser drücken. Klick. Und dann saust mit Karacho die Handkante runter. Unter das Brett. Und plötzlich ist das Brett einfach durch. Ehe die Handnerven was davon mitgekriegt haben.“ „Juhuuuu!“ Mathilda reißt die Arme hoch. „Ein epochaler Durchbruch!! Und zur Belohnung gibt’s einen ordentlichen Endorphin-Cocktail“, lacht sie. Ich puste betont lässig die imaginäre Rauchwolke vom Zauberstab und stecke ihn mir in den Hosenbund. „Yeah – Zaubertrank, einen doppelten bitte!“

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