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Unser entzauberter Rassismus

Simone

Weltklimagipfel. Ein Pressefoto mit einer Gruppe junger Aktivistinnen (wir fragen jetzt mal nicht, wo die Männer sind), erhält globale Aufmerksamkeit. Nicht wegen Greta Thunberg, sondern weil eine junge Frau fehlt. Eine schwarze Aktivistin, Vanessa Nakate aus Uganda, wurde „aus kompositorischen Gründen“ (angeblich ging es um das Gebäude im Hintergrund) vom Fotografen aus dem Motiv geschnitten und dann von der Nachrichtenagentur Associated Press verbreitet.

Es hätte wohl keinen besseren Coup geben können, als diese wohl unbewusste Routine im journalistischen Arbeitsalltag, um uns weißen, aufgeklärten und toleranten Wessies mal zu erhellen, in welcher Weltbild-Blase wir uns noch immer aufhalten, die den gerade dringend nötigen Fortschritt bei der Lösung all der anderen globalen Probleme unglaublich erschwert. Wie tief dieser Rassismus kulturell in unseren Genen verankert ist, wird in einem aktuellen Spiegel-Artikel gut ausgeleuchtet.

Alle Weißen – und durch die global dominierende weiße Berichterstattung zwangsweise die ganze Welt – sind fokussiert auf Greta Thunberg. Zur selben Zeit und teilweise bereits viel länger treten in den sogenannten „Entwicklungsländern“ viele junge Menschen gegen die Zerstörung ihrer Umwelt an und das unter ungleich schwierigeren Bedingungen als wir gepamperten Kinder des westlichen Wohlstands (worauf der beruht, ist ja für die, die es wissen wollen, inzwischen bekannt).

Aber es geschieht etwas, endlich. Asien ist schon längst ein Land im Aufbruch und zeigt uns wo es künftig langgehen wird. Auch Afrika wird zunehmend selbstbewusster und entfaltet die Potenziale einer jungen Generation, die selbstverständlicher Nutzer moderner Kommunikationstechnologie ist und sich auch wieder auf den großen Schatz ihrer alten Kultur besinnt. Einer Kultur, die ökologische, soziale und geistige Dimensionen umfasst, die unser egozentriertes und vom technischen Machbarkeitswahn kontrolliertes Bewusstsein nicht zu fassen vermag. Welche Schätze liegen hier für die Menschheit, wenn sie sich auf Augenhöhe begegnen und kooperieren würde, wenn jeder dem anderen aufrichtig zuhören würde, wenn jeder im Zusammenspiel seine Stärken ausspielen könnte – und man gleichzeitig voneinander lernen und seinen Horizont erweitern würde! Und wieviel positive Entwicklung könnte mit angeschoben werden, wenn die Milliarden, die in klassische „Entwicklungshilfe“ fließen – Megaprojekte nach westlichen Standards, die vor allem unsere ausführende Wirtschaft bereichern – vor Ort in direkter Zusammenarbeit mit den betroffenen Menschen eingesetzt würde?

An erster Stelle steht der Switch im Bewusstsein von uns allen. Es geht nicht mehr nur darum, immer der „Macher“ zu sein, wir können sehen, wohin uns dieser lineare Wachstumsaktivismus gebracht hat. Es geht jetzt darum, auch mal zuzuhören. Das Licht auf die zu richten, die bisher im Dunkeln saßen. Und hier schlägt jetzt die Stunde eines verantwortungsvollen Journalismus, der vielleicht nie so nötig war wie jetzt. Manche haben das bereits begriffen, wie der Guardian, der sich diese Rolle auf die Agenda geschrieben hat und z.B. in einem Artikel vom Oktober 2019 aufzeigt, was woanders in der Welt läuft.

Auch das Magazin enorm gibt den Menschen, deren Wissen und Kultur wir jetzt so dringend brauchen, eine Stimme, etwa den Aboriginals zum Umgang mit den australischen Buschfeuern.

Charles Eisenstein, Vordenker der Occupy-Bewegung, beschreibt in seinem Fundamentalwerk „Die Renaissance der Menschheit“, wie unser egozentrierter Verstand im Verlauf unserer Kulturhistorie systematisch die Macht über alle Lebensbereiche übernommen hat. Er ist ein mächtiges Werkzeug, aber kennt keine Werte. Den Verstand die Welt regieren zu lassen, zerstört alles, was uns wichtig ist, letztlich alles Leben. Dabei kennen wir alle diese andere Instanz in uns, die um die wichtigen Werte des Lebens weiß. Es ist die Quelle des Lebens, ihre Kraft ist die Liebe und immer wenn wir mit ihr in Verbindung sind, sind wir erfüllt von Freude, Lebenslust und Tatendrang. Oder einfach einem großen Vertrauen in die Weisheit des Lebens, in die wir uns auch mal entspannt hineinfallen lassen können.

Mathilda, die eben noch versonnen die Meisen im blühenden Haselgeäst beobachtete, meldet sich plötzlich aus dem Off: „Hey, Verstand, du bist großartig, ja! Wir haben es mit dir weit gebracht und wollen diese Errungenschaften nicht missen. Aber jetzt müssen wir aufpassen, dass du nicht heißläufst und richtig dumme Sachen machst. Gönn dir mal ne Pause, setz dich an den Pool mit ner ökigen Mate-Brause und guck mal, was so passiert. Kommen da nicht spannende Menschen und Sachen auf den Schirm, mit denen du nie gerechnet hättest? Vielleicht ist die Menschheit ein großer Organismus und wir Wessies sind der Wasserkopf, der mal etwas Ruhe braucht… und andere Teile bekommen die Chance, etwas beizutragen zur Heilung. Ist doch klar: Für ein gut funktionierendes Immunsystem muss man Stress runterfahren. Und gut ernährt werden. Und gut verbunden sein mit allen Teilen des Körpers. Und der Seele sowieso. Und wenn sich nicht jedes Organ wohlfühlt und arbeiten darf wie es möchte, siehst du bald richtig alt aus. Und davon hat ja keiner was, ne?“

Die Vorfrühlingssonne strahlt durch die Kondensstreifen. Die Meisen haben sich fertiggeputzt und beginnen, sich für einen Nistkasten zu interessieren.

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