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Die Schafgarbe: Heilungsreise mit einer provinziellen Kosmopolitin

Simone

Coronasommer. Du ärgerst dich, dass du nicht reisen kannst? Macht nix. Zeit, mal auf eine andere Art zu reisen, anstatt banal Körpermasse von A nach B zu bewegen. Im Pflanzenreich gibt es magische Tore, die dich entführen, nicht nur in andere Gegenden, sondern auch in die Zeitgeschichte… und die dich verwandelt in einen Alltag neuer Erfahrungen und Experimente entlassen.

Überall am Wegrand wartet eine weltgewandte Begleiterin schon auf dich: die Schafgarbe. Zum Einstieg in die Reise nimm einen tiefen Atemzug an ihrem wie ein Brautstrauß sich darbietenden Bukett kleiner Korbblüten. Diese Würze! Wie ein mediterraner Sommernachmittag, sonnenschwer, eine Brise fächelt dir den Duft von Kräutern und Pinien in die Nase und ein paar Wegkurven weiter, entlang der Zikadengesänge, lockt eine Taverne mit schwerem Rotwein und Hammel vom Grill. Schafe am Wegrand mümmeln dir einen vor, du siehst fein gefiederte Blättchen in ihren Mäulern verschwinden. Schau an, Schafgarbe! Und einer von euch Wohlgenährten wird mich nachher nähren… Nach dem fettwürzigen Mahl kredenzt dir der Wirt ein besonderes Schmankerl: Liquore di Achillea, Likör aus der alpinen Moschus-Schafgarbe, umgangssprachlich „Iva“ genannt. Wirksam ebenso für Magen und Verdauung wie bei Nervenschwäche. Coronakumpel, Prösterchen! Lass uns reisen, wohin der Schafgarbenduft uns führt!

Die Auswahl ist groß, geradezu global. Von der sibirischen Tundra, in der gerade die Monumente des ausgehenden Fossilzeitalters im Sumpf des tauenden Permafrostbodens versinken bis zu den weiten Prärien Nordamerikas, wo das zähe Kraut im ewigen Wind schwingt, tagsüber in glühender Hitze, nachts in sternbeglänzter Kälte. Vielleicht kommt aus dem nahegelegenen Reservat ein kräuterkundiger Indigener vorbei und holt sich eine Handvoll des duftenden Krauts. Für die Ureinwohner Amerikas war die Schafgarbe das Wichtigste aller Heilkräuter. Die Männer wussten sicherlich seine blutstillende Wirkung zu schätzen, auf Jagden oder bei kriegerischen Scharmützeln. Für die Frauen entfaltete die Schafgarbe ihre wohltuend entspannende Wirkung auf die Gebärmutter und den ganzen Beckenbereich. In den Wechseljahren schätzten sie ihre ausgleichende Kraft auf das Hormonsystem und den ganzen Organismus.

Auch in Asien gehörte die Schafgarbe seit alters her zu den wichtigsten Heilkräutern. In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird die blutreinigende, durchblutungs- und stoffwechselfördernde Wirkung der Schafgarbe geschätzt. Als Tonikum für Leber, Milz- und Herz-Chi gilt das Kraut als Behüterin der Lebenskraft.

In der kulturellen Wiege des Abendlandes, dem Zweistromland, Kleinasien und Ägypten belegen Samenfunde aus Grabstätten, dass die Schafgarbe schon vor 60.000 Jahren als wichtige Alltagsmedizin bekannt war. Und selbst in unseren Breiten bedienten sich bereits vor 50.000 Jahren die Neandertaler ihrer Heilkraft. In der letzten Eiszeit, die bis vor 12.000 Jahren andauerte, waren weite Flächen Nord- und Mitteleuropas von Tundra bedeckt, wo die Erdoberfläche nicht gerade unter Eismassen begraben lag. Die vor allem krautige Vegetation mit der würzigen Schafgarbe bot den umherstreifenden Pflanzenfressern vom Rentier bis zum Mammut eiweißreiche Kost, die gleich noch das Verdauungs- und Immunsystem stärkte.

Bei unseren europäischen Vorfahren, den Kelten und Germanen, war die Schafgarbe nicht nur als Heilkraut hochgeschätzt. Die Kelten nutzten das Kraut auch für Weissagungen, etwa zur Wettervorhersage. Unseren Ahnen diente die Pflanze zur Abwehr böser Geister und schlechter Träume, so wurden Schafgarbensträuße über Wiegen und Kinderbetten aufgehängt. Im alten China nutzte man die festen Stängel der Pflanze für Weissagungen. Aus dem Schafgarbenorakel entwickelte sich das I Ging, das Buch der Wandlungen, das auf der philosophischen Weltsicht des steten Wandels des Lebens basiert.

Der lateinische Name der Schafgarbe „Achillea millefolium“ geht zurück auf den beinahe unverwundbaren Helden Achilles aus der griechischen Mythologie. Er soll die Schafgarbe als Wundheilerin entdeckt und seine Krieger damit kuriert haben. Hätte er sich weiter der Heilkunst gewidmet, anstatt in die nächste Racheschlacht zu ziehen, hätte dies unserer kulturellen Entwicklung vielleicht eine lebensdienlichere Wendung verliehen.

Mit dem Aufkommen der Bierbraukunst wurde die Schafgarbe zum Begleiter der alltäglichen Lebensgenüsse. Mönche aus Irland brachten im Zuge der Christianisierung das Handwerk des Bierbrauens nach ganz Europa. Ein bunter Strauß an Kräutern, Grut genannt, sorgte dabei für die besondere Würze. Dabei gehörte die Schafgarbe neben Beigaben wie Bilsenkraut und Stechapfel sicher zu den gesünderen Zutaten. Die durch die rauscherzeugenden Kräuter entfesselten Ausschweifungen wurden schließlich durch das deutsche Reinheitsgebot von 1447 eingedämmt, das nur noch Gerste, Wasser und als Würzzutat Hopfen zuließ. Inzwischen haben wir diese puritanischen Zeiten hinter uns gelassen, so dass kleine Craft-Brauereien auch wieder die Schafgarbe als Bierwürze entdeckt haben.

Die Schafgarbe vereint kosmopolitisches Flair mit bodenständiger Regionalität, kraftvolle Zähigkeit mit filigraner Zartheit. „Augenbraue der Venus“ wurde sie im Mittelalter wegen ihrer feingefiederten Blätter genannt. Wie die Kamille enthält sie als Hauptwirkstoff ätherisches Öl, das sich in der Wasserdampfdestillation in das azurblaue Azulen verwandelt. Dieses entzündungshemmende und antimikrobiell wirkende Öl ist jedoch nicht nur in der Blüte, sondern in der ganzen Pflanze enthalten. Die begleitenden Bitterstoffe wirken sekretionsfördernd und appetitanregend. Aufgrund des Kaliumgehaltes der Pflanze wird auch die Nierentätigkeit angeregt.

Wenn ich zur Schafgarbenernte losziehe, ist dies immer von sommerlichen Gefühlen begleitet. Die beste Erntezeit ist im Juni und Juli, aber bis in den November hinein sind noch Blütenstände dieses unermüdlichen Sonnenkraftsammlers zu finden. So begleitet sein sommersatter Würzduft uns bis weit hinein in die dunkle Jahreszeit. Schafgarbe mit bloßen Händen zu rupfen ist allerdings mühsam und für die Pflanze sicher unerquicklich. Deshalb habe ich zur Ernte immer eine kräftige Schere im Gepäck. Bevor ich die Stengel abknipse, wird mit einem Blick unter die Trugdolde überprüft, ob sie nicht etwa bewohnt ist. Oft haben sich kleine Spinnen unter dem Blütendach häuslich eingerichtet. Und klar, besetzte Blütenstände sind tabu.

Zuhause werden die Stängel zu kleinen Sträußen gebunden an einem schattigen Platz kopfüber aufgehängt. Wenn sie nach ein paar Wochen knispertrocken sind, knipse ich die Blütenstände ab und streife dazu die Blätter ab. Übrig bleiben die steifen Stängel, die hervorragende Zahnstocher abgeben und mit ihren antibakteriellen Wirkstoffen weit hygienischer sind als alle Kunststoffpuler. Ob mit der Schere zugespitzt oder zu einem fransigen Faserbüschel angekaut – für alle Zwecke ist nach gutem Speisen das optimale Reinigungswerkzeug parat.

Das getrocknete Kraut wird zu einem wohltuenden Tee fürs ganze Verdauungssystem, bei Magenproblemen und Menstruationskrämpfen. Sitzbäder helfen bei Hämorrhoiden und Ausfluss. Auch gegen Cellulitis und Akne soll die Pflanze wirksam sein. Eine Tinktur lässt sich mit Ansetzen des zerkleinerten Krauts in neutralem Alkohol leicht selbst herstellen. Für einen Ölauszug verwendet man am besten die vorgetrocknete Pflanze, damit es nicht zur unerwünschten Gärung oder Schimmelbildung kommt. Das Öl kann pur auf die Haut aufgetragen oder zu einer Salbe weiterverarbeitet werden. Nicht zuletzt ist das getrocknete Kraut eine wunderbare Zutat für ein würziges und verdauungsunterstützendes Kräutersalz.

Bevor du dich nun mit fliegenden Fahnen in die Arme dieses Allheilkrautes stürzt, noch ein Hinweis: Teste aus, ob du möglicherweise allergisch auf diesen Korbblütler reagierst, indem du ein Blatt auf der Haut verreibst. Wird die Haut durch den Kontakt mit dem Pflanzensaft gerötet, solltest du die Schafgarbe nicht als Medizin verwenden. Zumindest nicht körperlich. Wenn du sie riechen magst, kommt sie auf dem Weg über das Limbische System, dem Sitz der Emotionen herein, um mit deinen Selbstheilungskräften Tango zu tanzen.

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