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Die mit dem Menschen tanzt

Mathilda

Gesundheitskrise, Klimakrise, Wirtschaftskrise – wie war das noch schön zu Zeiten, als gegen jede Not ein Kräutlein gewachsen war! Lasst uns mal bisserl träumen, von einem solchen Zauberkraut.

Aktuell natürlich am besten eins, das ordentlich das Immunsystem stärkt, mindestens genauso wie die teuren Ginsengkapseln aus der Apotheke. Das blutreinigend und blutbildend wirkt und überhaupt den ganzen Organismus mobilisierend mit einer Extraportion Vitaminen, Mineralstoffen und hochwertigem Eiweiß. Und da wir ja zuhause bleiben sollen, muss es auch vor der Haustür wachsen. Geld verdienen ist auch gerade schwierig, also schön, wenn es nicht nur kostenlos ist, sondern am besten noch vollkommen anspruchslos. Und natürlich klimafest, sei es gegenüber monatelanger Trockenheit oder Starkregen. Es sollte möglichst vielfältig den Speiseplan bereichern. Als Tierfutter anstelle des regenwaldvernichtenden Sojaschrots wär’s auch nicht schlecht. Und gut für die Artenvielfalt muss es sein, unbedingt! Der Burner wäre, man könnte auch noch Klamotten draus machen, anstelle der anspruchsvollen Baumwolle, die auch noch von weit her importiert werden muss. Und wenn es als natürliche Funktionsfaser den ganzen chemischen Kram, der unseren Erdball vermüllt, ersetzen kann.

Jaja, schön wärs… AU! Beißt mich doch in meiner Träumerei dieses Grünzeug in die Wade… Hallooo, du meinst, ich solle mal aufwachen? Und zurückbeißen…!?

Willkommen im Zauberland der Wildkräuter. Die Brennnessel hat eingeladen. Zum Tee, zur Suppe, zu bunten Pfannkuchen und Aufläufen, zu wildem Gemüse und Vitalbuletten. Zu genussvollen Entdeckungen, zu kraftstrotzender Gesundheit und zu einer erneuerten Freundschaft. Denn seit Menschengedenken ist sie uns gefolgt und scheint sich in unserer Nähe besonders wohl zu fühlen, all unseren Verwünschungen und Ausrottungsversuchen zum Trotz. Und fast ebenso lange in unserer Kulturgeschichte genoss die Pflanze größte Wertschätzung und wurde vielfältig genutzt. Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl sagt, Botaniker nennen die Brennnessel eine anthropochore Pflanze, die „mit dem Menschen tanzt“ (griech. Anthropos = Mensch, choreia = Tanz). Im Zuge der Globalisierung haben wir dann die Fernbrille aufgesetzt und was von weit her kommt, ist mit seinem exotischen Flair sowieso spannender.

In letzter Zeit besinnt man sich wieder auf die Schätze der Region, Corona hat uns jetzt nochmal einen schönen Tritt verpasst, so dass wir mit dem Gesicht quasi in den Brennnesseln landen. Erster Gedanke: Nix wie raus! Zweiter Gedanke: Moment… weiter wie bisher ist irgendwie auch keine Lösung. Wenn man schon in den Nesseln sitzt, kann man sich die Dinger ja mal näher anschauen. Der hohe Gehalt an Vitamin A, E, C und fast die ganze Phalanx der B-Vitamine ist nicht nur für Veganer interessant. Der Nähr-, Mineralstoff- und vor allem Eisengehalt lässt den Zuchtspinat alt aussehen, mit dem Generationen von Kindern traktiert wurden. Und die Brennnessel schmeckt besser als Spinat, der mit seinem hohen Oxalsäuregehalt sowieso nicht so gut für die Nieren ist. Die Brennnessel dagegen ist ein Elixier für die Harnwege wie fürs Verdauungssystem und wirkt günstig bei Rheuma, Diabetes und Hautproblemen. Sie fördert die Milchbildung bei Mensch und Tier. Die Samen gelten als Potenzmittel, zumindest war ihr Genuss deswegen den Geistlichen im Mittelalter verboten. Aber auch davon abgesehen strotzen sie als Konzentrat der ganzen Pflanze vor vitalisierenden Inhaltsstoffen, ein Proteinbooster, flankiert von wertvollen Ölen mit ungesättigten Fettsäuren. Bei Männern sollen mit Samen und Wurzeln Prostatabeschwerden gelindert werden, bei Frauen helfen die Phytohormone, Wechseljahresbeschwerden zu lindern.

Man kann inzwischen viel Geld für Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel mit Brennnesselextrakten ausgeben, aber hey – wieviel schöner ist es, sein Superfood auf Du und Du mit der Pflanze selbst zu ernten? Und ich wette, es ist auch heilsamer. Nicht nur, weil die Inhaltsstoffe in der Pflanze in einer fein austarierten physiologischen Komposition enthalten sind, sondern auch weil du in Beziehung trittst mit deinem Alter Ego, der Brennnessel, und dich mental eintunst aufs Heil-Werden. Weil du dich selbst ermächtigst und wieder mit deiner Natur verbindest, statt Pharmafirmen zu füttern. Die zweihäusige Brennnessel hat männliche und weibliche Pflanzen, die Blütenrispen der Männer sind kleiner als die üppigen Samentrauben der Frauen. Ich pflücke diese Samentraubenbüschel im Spätsommer oder Herbst, trockne sie an der Luft und gebe die kleinen Kraftpakete in selbstgemachtes Kräutersalz oder bereichere einen Brotaufstrich damit.

Beim Ernten und Verarbeiten bin ich inzwischen ziemlich unempfindlich und mache es meist ohne Handschuhe, ja, ein bisschen Kribbeln empfinde ich eher als anregend. Die Brennhaare sind kieselsäurehaltige Röhren, die im verdickten Stengelansatz eine Flüssigkeit enthalten. Bei Kontakt brechen die Haarspitzen ab und die flüssigen Stoffe werden in die Haut injiziert. Die enthaltene Ameisensäure und deren Salze lösen Brennen und Juckreiz aus. Darüber hinaus sind Gewebshormone enthalten, wie Histamin, Serotonin und der Neurotransmitter Acetylcholin. Histamin verursacht die Hautrötungen, die beiden anderen Substanzen sind wichtige Botenstoffe des Nervensystems, lindern Schmerzen und fördern die Durchblutung. Ihnen wird bei regelmäßiger Anwendung auf der Haut eine Wirkung gegen Gicht, Rheuma und Arthrose zugeschrieben. Wer das Pieken eher verabscheut und doch mal ungewollt gebissen wird, dem verhilft der praktischerweise oft ganz in der Nähe wachsende Ampfer Linderung. Ein Stück eines der großen Blätter ankauen und auf der brennenden Stelle verreiben – schon lässt das Prickeln nach oder verschwindet sogar ganz.

Gärtner wissen, dass die Brennnessel auch ein Kraftfutter für andere Pflanzen ist. Die berüchtigte Brennnesseljauche ist zwar nichts für feine Nasen, aber es gibt kaum etwas Besseres für Tomate & Co, was nicht nur die Pflanze füttert, sondern auch in der Abwehr gegen Pflanzenschädlinge unterstützt. Ich nutze gern die geruchsfreundlichere Variante, in meine selbstgemachte Tomatenerde mit Kompost einen Schwung zerkleinerte Brennnesseln zu mischen, die sich dann allmählich zersetzen und ihre Schätze freigeben. Die Hühner erhalten im Winter getrocknete Brennnesseln und sommers eine handvoll frische kleingeschnittene Blätter in ihr Müsli. So untergejubelt fressen sie das wehrhafte Grünzeug gern. Seit vielen Jahren sind sie pumperlgsund und legen Eier mit extragroßen, goldorangenen Dottern.

Bis ins letzte Jahrhundert hinein wurde die Brennnessel auch bei uns für Textilien genutzt. Dem aufwändig aus den Stengeln gewonnenen Garn wurden magische Fähigkeiten zugeschrieben, wie sich etwa in dem Märchen „Die sechs Schwäne“, aufgezeichnet von den Brüdern Grimm, widerspiegelt. Hier erlöst die Schwester der sechs verzauberten Prinzen ihre Brüder mit selbstgesponnenen und -gewebten Nesselhemden. In den letzten Jahren beginnt man die erstaunlichen Eigenschaften dieser alten Textilpflanze neu zu entdecken. Die Hohlfaser wirkt temperaturausgleichend, kann viel Feuchtigkeit aufnehmen, ist hautfreundlich und pflegeleicht. Vor einigen Jahren versuchte in Lüchow bereits ein visionärer Unternehmer, den heimischen Markt mit Kleidung aus Faserbrennnesseln zu erobern. Leider scheiterte das ambitionierte Projekt, bevor die Brennnessel ihre Stärken wirklich ausspielen konnte. Woanders geht die Entwicklung weiter: 2019 wurde das Startup Green Nettle Textiles aus Kenia mit dem Global Change Award ausgezeichnet; auch in Deutschland und der Schweiz experimentieren Textilhersteller seit einigen Jahren mit der neuentdeckten Naturfaser. Die derzeit für Endverbraucher angebotenen Stoffe und Garne aus Nessel kommen vor allem aus der Himalayaregion in Nepal und werden in einem traditionellen Verfahren aufbereitet.

Die ebenso unscheinbare wie widerständige Kulturbegleiterin betört zwar nicht mit bunten Blüten, dafür nährt sie zahlreiche tierische flatternde Farbtupfer wie Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge, Admiral und weitere – die Raupen von rund fünfzig Schmetterlingsarten laben sich an dem gehaltvollen Kraut. Wenn du also Orte im Garten hast, wo sie ungestört wachsen kann, als Bereicherung für die Tier- und Pflanzenwelt und deinen Speiseplan – wunderbar! Seit ich mich näher anfreunde mit diesem Zauberkraut lasse ich auch an diversen anderen Stellen ihre herausspitzenden Triebe erstmal stehen und freue mich, dass ich zum Ernten nicht weit zu laufen habe.

Zum guten Schluss ein vor kurzem ausprobiertes und für saulecker befundenes Brennnesselrezept:

Drachenspätzle mit Käs (für vier Personen)

Ernte zwei bis drei Sträuße Triebspitzen von Brennnesseln (die oberen drei Blattpaare). Zum Waschen im Wasserbecken mit einem Löffel durchrühren erspart allzuviele Nadelstiche. Gib sechs Eier in einen Mixer und dazu die grob zerkleinerte Brennnessel. Mach einen Smoothie daraus. Dann ab in eine Rührschüssel, einen Teelöffel voll Salz dazugeben und nach und nach so viel Mehl unterrühren, bis der Teig zäh vom Löffel reißt. Dann entweder mit einem Spätzlehobel portionsweise in kochendes Wasser reiben oder mit einem langen, glatten Messer vom Brett schaben. Wenn die Spätzle im Wasser hochschäumen, mit dem Schaumlöffel herausnehmen und in eine gebutterte Form auf kleinster Herdflamme einfüllen. (Damit die Konsistenz des Gesamtwerks schön schlonzig wird, darf ruhig etwas Wasser mitbefördert werden.) Zwischen jede Schicht eine Lage geriebenen Bergkäse geben. Zum Abschluss mit einer Haube aus gerösteten Zwiebelringen krönen – fertig ist das rundum gehaltvolle Superfutter!

* * *

Hast du eigene Erfahrungen, Ideen und spannende Rezepte zur Brennnessel? Ich freue mich, wenn du sie teilen magst!

2 Comments

  • Simone

    27. Mai 2020

    Hei Birgit, danke für deine Rückmeldung! Ich habe verschiedenen Quellen entnommen, dass die Brennnessel sich auf verschiedene Weise positiv auf die Hautgesundheit auswirkt. Offenbar soll sie nicht nur bei äußerlicher Berührung durchblutungsfördernd auswirken, sondern auch der hohe Gehalt an Mineralstoffen soll die Durchblutung anregen und die verschiedenen Hautschichten mit Nährstoffen versorgen. Vor allem die Samen sollen wirksam sein, auch für Haare, Fingernägel und Knochen. Es wird aber auch gesagt, dass es in Einzelfällen zu allergischen Reaktionen kommen kann (Juckreiz oder andere Hautirritationen). Allerdings habe ich auch die Info gefunden, dass Menschen durch regelmäßigen Verzehr der Brennnessel sich damit desensibilisieren können. Warum bei dir praktisch der gegenteilige Effekt auftritt, kann ich leider nicht beantworten. Aber du hast recht – es gibt noch so viele andere tolle Kräuter. Ich hab den Winter durch Löwenzahn gefuttert, mich fast durchgehend vital gefühlt und keine nennenswerte Erkältung gehabt.

  • Birgit Fuhrmann

    27. Mai 2020

    Hallo Simone, ich habe heute deinen Beitrag zur Brennnessel in der Zeitung gelesen und bin so auf diese Seite geraten. Du hast dich mit der Brennnessel beschäftigt und ihre tollen Eigenschaften hervor gehoben. Ich esse seit Jahren auch regelmäßig Wildkräuter, denen ich nachsage, dass sie mich vor der Frühjahrsmüdigkeit bewahrt haben und sicher vor vielen anderen Sachen auch.
    Du schreibst, dass die Brennnessel auch eine positive Wirkung auf die Haut hat. Das irritiert mich immer wieder, wenn ich das lese. Ich habe vor Jahren aufgehört Fleisch zu essen. Seit dem habe ich fast keine Hautprobleme, also eitrige Pickel mehr. Und ich habe heraus gefunden, das es noch einige Sachen gibt, die ich nicht essen sollte wegen der Hautverunreinigung. Dazu gehört die Brennnessel. Kannst du dir einen Grund vorstellen, warum das in manchen Fällen so ist? Das scheint bei mir eine individuelle Reaktion zu sein, also sowas wie eine Allergie. Ich reagiere ansonsten besonders auf Schweinefleisch und Alkohol in Schnaps im weitesten Sinne. Da werden auch die Histamine angeregt, es juckt mich dann auch, besonders im Gesicht.
    Ich wüsste gern, ob du von solchen Reaktionen von anderen Leuten schon gehört hast?
    Aber es ist kein großes Problem, dass ich mich von dieser tollen Pflanze fern halten sollte, es gibt genug andere mit ähnlichen Wirkungen und Geschmack.
    Schöne Grüße von Birgit

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